Lesedauer 8 Minuten

Viele Pferdebesitzer können ein Lied davon singen: Manche Pferde sind wahre Meister darin, sich Verletzungen zuzuziehen.
Als große Fluchttiere sind sie in Angstsituationen schnell versehentlich irgendwo angeeckt. Natürlich sollte man die Umgebung von Pferden immer so gut wie möglich von Gefahrenquellen freihalten. Aber Verletzungen lassen sich dennoch nicht immer vermeiden, denn auch durch kleinere Rangeleien in der Gruppe ist es schnell passiert.

Einschätzung der Verletzung

Wenn es denn bereits geschehen ist und man seinen Vierbeiner mit einer Verletzung vom Auslauf holt, gilt zunächst erstmal Ruhe bewahren, um die Lage korrekt einschätzen zu können.

Zuerst ist es wichtig, sich einen Überblick zu verschaffen, um zu entscheiden, ob man einen Tierarzt benötigt oder nicht. Bei folgenden Wunden oder Verletzungen sollte ein Tierarzt hinzugezogen werden:

  • Wenn die Verletzung mit einer Lahmheit oder einer abnormen Stellung oder Haltung einer Gliedmaße einhergeht, oder der Bereich der Wunde schnell und stark anschwillt.
  • Bei größeren stark klaffenden Wunden, bei denen man die Tiefe nicht einschätzen kann, ist ein Tierarzt notwendig, denn solche Wunden müssen meistens genäht werden. Je schneller, desto besser übrigens, bei vielen Wunden ist der Heilungsverlauf wesentlich besser, wenn diese innerhalb von drei bis vier Stunden behandelt werden.
  • Bei stark blutenden Wunden. Oft wird man am Telefon nach Stärke der Blutung gefragt, dies lässt sich ganz gut beschreiben, indem man sich vorstellt, ob die Blutung zum Beispiel ein Schnapsgläschen in einer Minute füllen könnte oder gar eine Tasse oder ein Glas. Für solche Fälle ist es immer gut saubere Kompressen im Stall zur Hand zu haben, um gegebenenfalls Druck auf die Wunde auszuüben. Solche Verletzungen sind seltener, aber kommen doch hin und wieder vor.
  • Bei Veränderung der Atmung, der Körpertemperatur und zum Beispiel Schwitzen oder Abgeschlagenheit. Dies können Hinweise auf einen Schock sein bei akuten Verletzungen.
  • Wenn Fremdkörper in der Wunde stecken oder bereits eitrige Sekrete austreten, auch bei extremer Wärme Entwicklung um den betroffenen Bereich.
  • Immer dann, wenn man die Verletzung nicht einschätzen kann aufgrund der Lokalisation. An den Beinen oder im Bereich des Knies beispielsweise, sind Sehnen, Knochen und weitere Strukturen nur wenig geschützt. Im Zweifel gilt: Lieber den Fachmann zu Rate ziehen.

Erstversorgung vor dem Eintreffen des Tierarztes?

Sollte man den Tierarzt holen, ist es wichtig, nicht zu viel an der Wunde zu werkeln, bevor dieser eintrifft. Keine Salben oder Jod und sonstiges auftragen, da es dann wesentlich schwerer ist die Wunde zu beurteilen. Lediglich starke Verschmutzungen können mit einem sanften Wasserstrahl schonmal abgespült werden.

-> Wenn man es nicht im Kopf hat, sollte unbedingt einmal abgecheckt werden, wie lange die letzte Tetanus Impfung her ist. Pferde reagieren noch viel sensitiver als Menschen auf diese Bakterien, daher kann diese Impfung lebensrettend sein und sollte immer im Blick behalten werden.

Selbstversorgung bei oberflächlichen Verletzungen

Wenn man nun doch Glück im Unglück gehabt hat und der geliebte Vierbeiner sich nur eine oberflächliche Verletzung zugezogen hat und ansonsten putzmunter dasteht, dann kann man sich selbst an die Versorgung machen. Ist lediglich ein kleiner Kratzer in der obersten Hautschicht ohne Blutung oder Verschmutzung, ist in der Regel kein Handlungsbedarf. Das Immunsystem eines gesunden Pferdes wird das locker alleine beheben können.

Ist eine Wunde verschmutzt, mit Sand, Erde oder vielleicht Einstreu, kann man sie zunächst mit klarem, fließendem Wasser abspülen. Von Vorteil ist, wenn man auch sterile Kochsalzlösung parat hat, damit kann man die Wunde anschließend, wenn der grobe Dreck schon weg ist, noch einmal abspülen. Die Lösung transportiert Bakterien und Keime besser hinaus. Ganz frische, eher saubere Wunden, am besten direkt mit der Kochsalzlösung abspülen, um gar nicht erst weitere Keime hineinzubringen.

Viele der kleineren Verletzungen bedürfen einfach keiner weiteren Behandlung. Man sollte aber im Verlauf unbedingt auf Entzündungszeichen achten, wie Wärme, Rötung, Schwellung und Schmerzempfindlichkeit und auch darauf reagieren.
©Adobe Stock / RD-Fotografie

Desinfektionsmittel – ja oder nein?

Im Anschluss kann man die Wunde noch desinfizieren, aber Achtung, es muss unbedingt ein Desinfektionsmittel sein, welches auch wirklich für Wunden geeignet ist. Bei ungeeignetem Desinfektionsmittel, wie zum Beispiel Flächendesinfektion oder normaler Hautdesinfektion, kann die Wundheilung stark beeinträchtigt und auch deutlich verlangsamt werden.

Bevor man das falsche Mittel verwendet, sollte man dann lieber keines verwenden. Auch dürfen Desinfektionsmittel nicht in Wundtaschen oder Wundhöhlen gelangen, sie können dort massive Gewebsschädigungen hervorrufen.

Unterstützung der Wundheilung

Viele der leichteren Wunden heilen bei diesen kleinen Sofortmaßnahmen sehr gut ab, wenn sie zeitnah durchgeführt werden.
Aber manchmal werden eben dieser kleineren Verletzungen und Wunden auch erst einen Tag später entdeckt, oder die Heilung läuft aus verschiedenen Gründen einfach doch nicht bilderbuchmäßig ab.

Wenn es doch mehr Unterstützung bedarf, kann man sich sehr gut an den Phasen der Wundheilung orientieren:

  • Die Exsudationsphase, auch Reinigungsphase genannt. Die Wunde versucht, sich immer noch selbst zu reinigen und Keime hinaus zu spülen. Hier kann man weiterhin mit Spülungen unterstützen und auch erneut desinfizieren. Man sollte sicherstellen, dass sich keine Fremdkörper in der Wunde befinden und sie sauber halten.
  • Die Granulationsphase, hier bildet sich ganz zartes neues Gewebe, welches noch äußerst empfindlich ist, aber die erste dünne Schutzschicht nach außen darstellt. Hier beginnt bereits die Heilung. Die Granulation beginnt, bei unkomplizierten, sauberen Wunden, bereits nach 24 Stunden, kann sich aber bei Komplikationen auch deutlich bis zu 7 Tage hinauszögern.
    Je nach Zustand des Gewebes, kann man mit Wundgelen oder auch Wundsalben unterstützen. Falls die Wunde zu trocken und rissig wird, kann ein spezielles Wundgel oder zum Beispiel auch ein Aloe Vera oder Propolis Gel aufgetragen werden, beide wirken wundheilend, pflegend und entzündungshemmend. Sehr fetthaltige Salben sollte man erst auftragen, wenn sich wirklich schon eine neue, dünne Granulationsschicht gebildet hat oder man trägt sie nur auf den Wundrand auf. Wunden heilen immer von außen nach innen, gut erkennbar am oft leicht weißlichen Rand.
  • Die Epithelisierungsphase, hier bildet sich im Anschluss allmählich die feste, äußere Hautschicht, oftmals zunächst unter einer äußerlich sichtbaren Kruste. Es kann einige Zeit dauern, bis mehrere Zellschichten entstanden sind und die Haut wieder stabil und widerstandsfähig ist. Diese Krusten sollte man in Ruhe lassen, bis sie von alleine abfallen.

Weniger ist manchmal mehr

Auch in der Wundbehandlung ist manchmal weniger mehr, viele der kleineren Verletzungen bedürfen einfach keiner weiteren Behandlung. Man sollte aber im Verlauf unbedingt auf Entzündungszeichen achten, wie Wärme, Rötung, Schwellung und Schmerzempfindlichkeit und bei Verzögerung einer normalen Heilung auch darauf reagieren.

Altbekannte Sätze wie ,,Wunden müssen an der Luft austrocknen‘‘ sind genauso überholt, wie eine Wunde einfach mit Sprühpflastern abzudichten. Optimal ist, sich einfach an den Phasen der Wundheilung zu orientieren.

Top 5 der natürliche Mittel für die Unterstützung der Wundheilung

Es gibt eine Vielzahl an pflanzlichen Mitteln, die zum Teil auch schon lange in der Medizin ihren Platz gefunden haben. Da es einfach so viele tolle Möglichkeiten gibt, die Wundheilung in bestimmten Phasen mit ganz einfachen, natürlichen Mitteln zu unterstützen, hier einmal die Top 5, die in der Stallapotheke gut zu gebrauchen sind:

  • Manuka Honig: die Nummer eins und ein echter Segen für infizierte Wunden. Manuka Honig ist in verschiedenen Darreichungen, meist als medizinische Salbe, zu erhalten. Auch in der Tiermedizin oftmals kaum noch wegzudenken, da Lokalantibiotika aufgrund von Resistenzen teilweise schon oft an ihre Grenzen kommen. Man sollte dabei auf medizinische Qualität achten, dann lässt sich bei korrekter Anwendung damit nichts verkehrt machen. Manuka Honig wirkt desinfizierend und stark entzündungshemmend.
  • Hamamelisrinde/- oder Blätter, auf Deutsch die Zaubernuss: Man bekommt sie auch als bereits fertige Salbe oder Tinktur, aber es lässt sich auch leicht selbst ein Aufguss herstellen. Sie wirkt ebenfalls antibakteriell, schmerzlindernd, sekretionshemmend und auch juckreizstillend, sowie leicht oberflächenanästhesierend. So kann man damit gut nässende Wunden spülen oder auch nässende Ekzeme oder aufgekratzte Wunden behandeln.
  • Ringelblumenblüten (Calendula officinalis): Oft als fertiges Öl oder Salbe zu bekommen, wobei sich auch hier leicht ein Auszug herstellen lässt. Calendula kann vor allem wundheilungsfördernd und immunstimulierend wirken, die Regeneration der Haut wird beschleunigt. Sie ist vor allem für schlecht heilende Wunden geeignet.
  • Blüten der Echten Kamille (Matricaria chamomilla) sind ein bekannter Klassiker: Zum Beispiel als Spüllösung, um ihre entzündungshemmende Wirkung zu nutzen, oder auch als pflegende Salbe, um die Neubildung der Haut zu fördern. Dabei sollte man das allergene Potenzial berücksichtigen, welches zwar hauptsächlich auf die ähnlich aussehende Hundskamille zurückzuführen ist, aber auch bei der Echten Kamille sollte man zunächst vorsichtig die Verträglichkeit testen, vor allem wenn schon Allergien bei dem Pferd bekannt sind.
  • Birkenrinden-Trockenextrakt: Auch teilweise bekannt unter Birken-Oleogel, kann die Epithelisierung von Wunden signifikant beschleunigen. Es kann bei verschiedensten Verletzungen eingesetzt werden, unter anderem auch gut bei Sonnenbrand geplagten Pferdenasen.

Ronja Fock