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Einführung

Die meisten Pferdebesitzer kämpfen bei Ihren Pferden eher mit dem Problem Übergewicht. Mit Heunetzen, Slowfeedern und allerlei Tricks ist man ständig dabei, einen permanenten Heuzugang zu ermöglich, ohne dass der kleine Liebling platzt. Es gibt aber auch die anderen: Insbesondere Besitzer alter Pferde bangen gerade jetzt in der zweiten Winterhälfte, ob sie es noch bis zur Anweidezeit schaffen. Auch wer ein Pferd aus dem Tierschutz oder einen jungen „Kümmerling“ übernommen hat, ringt oft um jedes Kilo auf den Rippen. An Ratschlägen, die man zum „Auffüttern“ bekommen kann, mangelt es wahrscheinlich nicht – von Mais bis Malzbier wird einem vieles nahegelegt.
Aber wie kann man sein Pferd mit artgerechter Ernährung gut durch die restlichen Wintermonate bringen?

Maisflocken, Kraftfutter, Getreide oder Rübenschnitzel?

Ratschläge zum Auffüttern basieren häufig auf viel Zucker oder reichlich Pektin oder einer Kombination von beidem. Auch große Mengen Eiweiß sind da sehr beliebt. Was passiert aber mit diesen Nährstoffen im Stoffwechsel? Zucker (z.B. aus Maisflocken) wird beim Pferd in erster Linie von den Muskeln als Energielieferant für Bewegung verwendet. Die Fähigkeit, aus Zucker Fett aufzubauen, ist zwar vorhanden, aber bei den meisten Pferden eher gering ausgeprägt. Füttert man jetzt also große Mengen Zucker, die aber (aufgrund des Alters, des gefrorenen Bodens oder des schlechten Allgemeinzustands) nicht direkt in Bewegung umgesetzt werden, kommt es beim Pferd häufig zu einer unsauberen Verstoffwechselung des Zuckers und damit Einlagerung von den daraus resultierenden „Abfallstoffen“ im Bindegewebe.
Das sorgt wiederum dafür, dass vermehrt Lymphe im Bindegewebe zurückgehalten wird. Optisch sieht das Pferd jetzt „dicker“ aus. Es sind aber keine Muskeln oder Fettgewebe, die hier aufgebaut werden, sondern die Pferde „schwemmen auf“. Reduziert man den Zucker in der Fütterung und regt die Nierenfunktion an, dann werden diese Pferde meist sehr schnell wieder „weniger“ – denn, sobald die Lymphe ausgelagert wird, ist das ganze schöne Gewicht gleich wieder weg.
Zucker in Form von Maisflocken, Stärke (Kraftfutter, Getreide) oder auch Zuckerrübenschnitzeln, ist also nicht geeignet, um eine gesunde Körpermasse aufzubauen.

Pektine

Pektine sind auch sehr beliebt und kommen vor allem über Zuckerrübenschnitzel oder Apfeltrester in den Futtertrog. Diese Baustoffe von Früchten und jungem Gras werden nicht im Dünndarm verdaut, sondern im Dickdarm. Hier vor allem von den Protozoen, also Mikroorganismen, die man immer im Darm des Pferdes findet. Sie sind zwar immer vorhanden, sollten aber im Idealfall nur einen kleinen Anteil des gesamten Mikrobioms ausmachen.
Füttert man sie aber fleißig mit Pektin, dann können sie sich übermäßig vermehren und das führt zu einer Ansäuerung des Dickdarms durch die Stoffwechselprodukte der Protzoen. Diese fühlen sich im saueren Milieu sehr wohl, nicht aber die Cellulose-abbauenden (und insbesondere erwünschten) Mikroorganismen. Pektinfütterung stört also nachhaltig das Gleichgewicht im Dickdarm und setzt damit die Verdaulichkeit vom Heu herab – also genau das Gegenteil von dem, was man eigentlich erreichen will.
Trotzdem nehmen die Pferde zu – wie geht das? Die Säuren, die von den Protozoen produziert werden, verbleiben nicht im Dickdarm, sondern werden vom Pferd aufgenommen und müssen jetzt mühsam umgebaut und wieder entsorgt werden. Die Leber kann dieser Aufgabe gar nicht so schnell nachkommen, wie vorne schon wieder Pektine reingefüttert werden. Es kommt zur Einlagerung überschüssiger Säuren im Bindegewebe, was wiederum Lympheinlagerung nach sich zieht. Die Pferde schwemmen auf.
Auch hier: Stellt man die Fütterung um, saniert den Darm und „entwässert“ die Pferde durch Anregen der Nierenfunktion, ist das Gewicht schnell wieder weg und das Pferd häufig rippiger als vorher. Also auch Pektine eignen sich nicht zum Auffüttern. Dasselbe gilt übrigens auch für die Fütterung mit Heulage: Hier entsteht in großer Menge Milchsäure im Dickdarm, die aufgenommen wird und ebenfalls zu Säure- und Lympheinlagerung im Bindegewebe führt. Auch mit Heulage rund gefütterte Pferde verlieren sehr schnell ihr Gewicht, wenn man die Fütterung auf Heu umstellt und sie „entwässert“ – viele Besitzer sind dann schockiert, wie wenig Pferd unter all der Lymphe zum Vorschein kommt.

Eiweiße

Auch die Fütterung von konzentriertem Eiweiss wird immer wieder versucht: Die Logik dahinter, der Körper braucht Eiweiss für den Aufbau von Muskeln, also Körpermasse. Gefüttert werden hier gerne Soja(extraktionsschrot), Leinextraktionsschrot oder Erbsenflocken. Der Aufbau von Muskeln dauert relativ lange und kann auch nur erfolgen, wenn ein Pferd entsprechend gearbeitet wird. Der Körper hält immer nur so viel Muskelmasse vorrätig, wie für die tägliche Arbeit benötigt wird. Arbeitet ein Muskel nicht, so wird er in etwa 1/3 der Zeit abgebaut, die man vorher für den Aufbau benötigt hat. Will man also Muskeln aufbauen, muss der entsprechende Muskel mehr beansprucht werden.
Das ist vor allem bei alten Pferden und bei solchen, die ohnehin in schlechtem Zustand sind, eher schwierig. Füttert man aber Eiweiß über das benötigte Maß hinaus, kann der Körper es überhaupt nicht sinnvoll verwerten. Bei großen Eiweißrationen besteht außerdem immer das Risiko, dass Teile davon nicht ausreichend im Dünndarm verdaut werden und damit in den Dickdarm gelangen. Hier fördern sie das Entstehen von Fehlgärungen, was bis zu einem beißend-sauer riechenden Kot (Ammoniak!) führen kann. Das aufgenommene Eiweiß, das nicht in Muskelmasse umgesetzt wird, muss außerdem vom Körper wieder abgebaut und ausgeschieden werden. Dabei entsteht im Übermaß Harnstoff, der über die Nieren und den Urin ausgeschieden werden muss. Gerade alte Pferde leiden oft an einer chronisch-unterschwelligen Niereninsuffizienz. Hier kann großzügige Eiweißfütterung sehr schnell zu einer weiteren Schädigung der Nieren führen. Oft versucht der Körper, den Harnstoff dann über die Schweißdrüsen der Haut auszuscheiden, sodass die Pferde oft unangenehm zu riechen beginnen – als hätten sie letzte Nacht in einer Urinpfütze geschlafen. Ein zu dünnes Pferd mit Eiweiß aufzufüttern ist also auch eher ein schwieriges Unterfangen und birgt ein hohes Risiko für ganz erhebliche Stoffwechselbelastungen.

Was kann man sinnvollerweise tun?

Sind Pferde zu dünn, sollte man in allererster Linie auf die Heuversorgung achten. Es sollte ein eher reichhaltiges Heu sein, das stets zur freien Verfügung steht, sodass keine Futterpausen auftreten, in denen die wertvolle Darmflora „verhungert“ – sonst wird die nächste Heuportion nämlich schon nicht mehr optimal verwertet. Gerade alte oder rangniedrige Pferde fressen aber trotzdem oft zu wenig Heu. Hier kann über eingeweichte Heucobs quasi die Heuration erhöht werden.
Da eingeweichte Heucobs nicht gekaut werden müssen, nehmen die Pferde wesentlich mehr pro Zeiteinheit auf, als bei Heu. Das kommt alten Pferden und solchen mit Zahnproblemen entgegen. Aber auch rangniedrige Pferde kauen in einer Gruppenhaltung oft zu hastig und fressen nicht genug Heu, weil sie zu häufig von ihrem Fressplatz weggescheucht werden. Hier sollte man unbedingt für mehr Ruhe in der Gruppe sorgen (mehr Raufutter-Fressplätze, größere Auslaufmöglichkeiten anbieten oder kleinere Gruppen zusammenstellen). Optimal wäre eine Extra-Gruppe mit den „Prügelknaben“ der Herde und reichlich Raufutter-Angebot, sodass diese in Ruhe fressen können). Da sonst Stress ganz massiv die Nährstoffausbeute reduziert und man gar nicht so viel reinfüttern kann, wie durch die Dauerspannung gleich wieder verbraucht wird. Zusätzlich können eingeweichte Heucobs angeboten werden. Manche dieser rangniedrigen Pferde in schwierigen Gruppen profitieren sehr davon, wenn man sie wenigstens über Nacht abtrennt, wo sie in Ruhe ihr Heu und ggf. ihre Heucobs fressen können. Heucobs sollten optimal immer in vielen kleinen Portionen angeboten werden als Ergänzung zu reichlich Heu.

Esparsette für Pferde
Esparsette ist eine Verwandte der Luzerne mit, für Pferde besser verwertbaren Aminisäuremustern.
©Okapi GmbH

Zufütterung: Was ist hilfreich?

Dazu hat sich die Zufütterung von Esparsette bewährt. Sie ist eine Verwandte der Luzerne, hat aber ein für Pferde besseres Aminosäuremuster, sodass die Eiweiße besser im Körper umgesetzt werden können. Außerdem enthält sie kondensierte Tannine, die das Darmmilieu stabilisieren und damit die Verwertung des gesamten Raufutters günstig beeinflussen. Esparsette liefert also mehr Eiweiß und sorgt gleichzeitig für bessere Heuverwertung. Man kann Esparsette zusammen mit den Heucobs einweichen. Am besten mit einer kleinen Menge beginnen und langsam steigern.
Da Esparsette im Gegensatz zu Kraftfutter kein Stärkelieferant ist, muss man hier nicht so akribisch auf die Mengen achten. Man fängt mit einem „Becherchen“ voll an und steigert die Menge langsam, bis man am Ende zwischen ein und drei Kilogramm (Trocken) pro Tag zufüttert. Sie wird im Allgemeinen gut gefressen und bringt gerade alte Pferde und „Kümmerlinge“ deutlich besser durch den Winter als Heucobs alleine. Sollte die Gabe von Heucobs und Esparsettencobs nicht ausreichen, dann kann man auch gezielt die essentiellen Aminosäuren Lysin, Methionin und Threonin zufüttern, um das Eiweißmuster im Körper noch zu verbessern. Auch die Gabe von Spirulina Alge, die nicht nur hervorragende Aminosäuren enthält, sondern zusätzlich entgiftend wirkt, kann angezeigt sein.
In solchen Fällen lassen Sie sich aber bitte vorher von uns beraten, ob diese Ergänzungsfuttermittel für Ihr Pferd notwendig und sinnvoll sind.

Fazit

Wichtig ist – neben ausreichender Raufutter-Gabe – vor allem, jene Futtermittel zu vermeiden, die den mikrobiellen Verdauungsprozess im Dickdarm stören.
Auch wenn wir Menschen zu Ungeduld neigen: Es dauert, bis ein Pferd wieder natürliches Gewicht (weder Lymphe noch Fett) zulegt. Und bei Senioren kann man es schon als großen Erfolg verbuchen, wenn sie über den Winter nicht zu sehr abnehmen!
Jede Zufütterung von nicht artgerechten Futtermitteln (z.B. Heulage, große Kraftfuttermengen, pektinreiche Futtermittel, Obst und Gemüse, Brot, Malzbier….) stört den Verdauungsprozess, belastet den Stoffwechsel und verzögert damit die Regeneration statt sie zu beschleunigen.
Also: die rippigen Pferde im Stall am besten mit reichlich gutem Heu, Heucobs, Esparsette, Mineralfutter, Salzstein und ausreichend temperiertem Wasser durch den restlichen Winter bringen und hoffen, dass der Frühling bald kommt. Denn nichts hilft Pferden besser, wieder Gewicht zuzulegen, als eine artgerechte Weidehaltung.

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