Lesedauer 6 Minuten

Rübenschnitzel, ob nun die klassischen (melassierten) oder die seit einigen Jahren unter verschiedensten Markennamen angebotenen „entmelassierten“, kennt wohl jeder Pferdebesitzer.
Aber was haben die Rübenschnitzel mit Pektinen zu tun? Und was machen sie in der Fütterung?

Melasseschnitzel und unmelassierte Rübenschnitzel

Rübenschnitzel sind ein Endprodukt aus der Zuckerherstellung und werden, seit Beginn der industriellen Zuckergewinnung, auch gerne als Futtermittel verwendet. Nachdem der Saft zur Zuckergewinnung aus den kleingehäckselten Zuckerrüben ausgepresst wurde, werden die faserreichen Reste getrocknet und in unterschiedlicher Form als Pferdefutter angeboten. Die „klassischen“ Rübenschnitzel werden vor dem Trocknen (und ggf. Pelletieren) noch mit Melasse versetzt, ebenfalls ein Nebenprodukt aus der Zuckerherstellung.
Sie enthalten dann bis zu 20% Zucker!
Für Pferde haben sich inzwischen aber mehr die „entmelassierten“ Rübenschnitzel (ohne Melassezusatz) durchgesetzt. Sie schlagen allerdings immer noch mit ca. 5-10 % Zucker zu Buche.

Löffel mit Melasse
Auch Rübenschnitzel ohne Melasse-Zusatz weisen noch einen hohen Zuckergehalt auf
© Adobe Stock/M. Makela und Alp Aksoy

Rübenschnitzel, Apfeltrester und Pektine

Pektine gehören zu den Strukturkohlenhydraten. Das sind aus Zuckerbausteinen aufgebaute, große Moleküle, die von Pflanzen gebildet werden, um ihren verschiedenen Teilen (Stängel, Blätter, Früchte) eine feste Struktur zu geben. Die verschiedenen Strukturkohlenhydrate der Pflanze haben dabei unterschiedliche Eigenschaften.
Pektin gibt Stabilität, aber vor allem Elastizität, durch seine Fähigkeit, große Mengen Wasser zu binden („Gelierfähigkeit“). Man findet es daher insbesondere in Blüten, Blättern, Früchten und Wurzeln.

Rübenschnitzel, die den Strukturanteil der Zuckerrübenwurzel darstellen, sind damit von Natur aus sehr pektinreich. Dasselbe gilt für Apfeltrester oder Zitrustrester. In der Lebensmittel- und Pharmaindustrie wird Pektin aufgrund seiner Wasserbindungsfähigkeit häufig als Gelier- und Stabilisierungsmittel für z.B. Marmeladen, Süßwaren, Salben, Gele und Cremes, etc. verwendet. Eben immer dann, wenn dem Produkt eine festere und dennoch elastische Konsistenz verliehen werden soll.
Aufgelistet ist es als Lebensmittelzusatzstoff E440.
Gewonnen wird Pektin für den Lebensmittelbereich üblicherweise aus Rübenschnitzeln (dem Rückstand der Zuckerproduktion), Apfeltrester (dem Rückstand aus der Apfelsaftproduktion) oder Zitrustrester (dem Rückstand aus der Orangen- und Grapefruitsaftproduktion).

Aufgrund ihrer Gelierfähigkeit, also der schleimigen Konsistenz, die sie in Verbindung mit Wasser einnehmen, wird Pektinen nachgesagt, dass sie gut für die Verdauung bzw. den Aufbau von Schleimhäuten seien, wie sie im Magen und im Darm vorkommen.

Pektine als Futtermittel

Aber nicht nur in der Lebensmittel-, Kosmetik- oder Pharmaindustrie werden Pektine verwendet. Auch als Futtermittel kommen sie bei verschiedenen Tierarten zum Einsatz. Pektine sind von reinen Pflanzenfressern, wie Rindern oder Pferden, sehr gut verdaulich, im Gegensatz zum Hund oder zum Menschen, bei denen Pektin als unverdaulicher Ballaststoff dient und weitgehend mit dem Kot ausgeschieden wird. Man muss also immer darauf achten, bei welcher Tierart die Pektine eingesetzt werden.

Bei Rindern wird pektinreiches Futter aufgrund der guten Verdaulichkeit als Mastfutter eingesetzt, also für die schnellere Gewichtszunahme. Das ist genau das, was wir für unsere Pferde nicht benötigen.
Außer der erhöhten Energiezufuhr gibt es aber noch weitere Dinge, die beim Pferd gegen pektinreiche Futter wie Rübenschnitzel oder Apfeltrester sprechen.

Wirkung auf das Dickdarm-Mikrobiom („Darmflora“)

Gerade weil Pektine so eine große Fähigkeit zur Gelierung haben, wird Ihnen ein gesundheitsfördernder Aspekt für die Verdauung und den Magen nachgesagt. Aber, wie so oft, ist die Wirklichkeit ein bisschen komplizierter.

Pektine beschleunigen die Darmperistaltik, sodass der Nahrungsbrei schneller durch den Darm transportiert wird. Die schnellere Darmperistaltik ist auch der Grund, warum manche Pferde Durchfall bekommen, wenn sie auf frisches, junges Gras kommen. Je jünger ein Grasaufwuchs ist, desto pektinreicher ist er. Je älter ein Grasaufwuchs wird, desto mehr Faseranteil in Form von Cellulose, Hemicellulose und Lignin hat das Gras, was die Peristaltik dann meist wieder normalisiert.

Da Pektine beim Pferd nicht im Dünndarm verdaut werden können, gelangen sie in den Dickdarm. Dort dienen sie als Nahrungsgrundlage für eine ganz bestimmte Art von Bakterien. Wer viel Futter bekommt, kann sich stark vermehren und so kommt es zu einer Verschiebung des Mikrobioms, was man auch als „Dysbiosen“ bezeichnet (wer es genauer wissen möchte, kann hier weiterlesen).

Pektine werden im Blind- und Dickdarm des Pferdes hauptsächlich von Milchsäurebakterien und teilweise von Protozoen abgebaut. Das sind die unerwünschten „Untermieter“ im Dickdarm, die auch in der Lage sind, die bekannteren Fruktane abzubauen.

Man fördert also durch die Fütterung von Rübenschnitzeln oder Apfeltrester genau jene Bakterien, die im schlimmsten Fall zu einer pH-Wert Absenkung im Dickdarm („Hindgut acidosis“) führen und eine Hufrehe auslösen können.
Entsprechend geht man inzwischen davon aus, dass viele Frühjahrs-Hufrehen beim Anweiden gar nicht auf hohe Proteingehalte im jungen Gras zurückzuführen sind, sondern auf die hohen Pektingehalte bei ohnehin schon verschobenem Mikrobiom. Füttert man also über den Winter regelmäßig „entmelassierte“ Rübenschnitzel oder Futtermittel, die Apfeltrester enthalten, dann braucht man sich über die Gewichtszunahme und die Hufrehe im Frühjahr nicht wundern.

Vor diesem Hintergrund ist es auch äußerst fragwürdig, dass ausgerechnet für Pferde mit bestehender Hufrehe-Problematik immer wieder „entmelassierte“ Rübenschnitzel als „gesundes Kraftfutter“ angepriesen werden.

Gerade bei stoffwechselgestörten Pferden sollte von einer Fütterung pektinreicher Futtermittel dringend abgesehen werden.

Aber auch für gesunde Pferde ist eine Verschiebung des Mikrobioms in diese Richtung langfristig ungesund. Wer regelmäßig Rübenschnitzel füttert (auch wenn sie „entmelassiert“ sind), wird irgendwann ein stoffwechselkrankes Pferd im Stall haben.

Und die angeblich positive Wirkung auf die Schleimhäute, weshalb Rübenschnitzel beim Pferd häufig gegen Magengeschwüre empfohlen werden, wurde in mehreren Publikationen bereits widerlegt.

Apfeltrester
Weder Rübenschnitzel noch Apfeltrester eignen sich als Futtermittel
© Adobe Stock Bronwyn Photo

Inzwischen weiß man, wie wichtig eine gesunde und vielfältige Darmflora und ein stabil neutraler pH-Wert im Dickdarm sind, um vielen Erkrankungen vorzubeugen, von Hufrehe bis Sommerekzem. Deshalb sollten einseitige Verschiebungen des Dickdarm-Mikrobioms durch solche Futtermittel vermieden werden.

Fazit

Zusammenfassend kann man also feststellen:
Pektinreiche Futtermittel wie (entmelassierte) Rübenschnitzel, Apfeltrester, Zitrustrester & Co. sind nicht als gesundes Pferdefutter geeignet.

Mehr dazu: Welche Menge an Zucker ist schädlich für mein Pferd?

Elke Malenke