Lesedauer 6 Minuten

Kräutersteckbrief

Deutscher Name

Grünhafer, Haferkraut

Lateinischer Name

Avenae herba

Traditionelle Anwendung

bei nervöser Erschöpfung, Schlaflosigkeit, Angst, Spannungsgefühlen; Grünhafer-Tee soll den Harnsäurespiegel senken in der Rheuma- & Gichttherapie; beim Menschen entschlackend, harntreibend;

Wissenschaftlich nachgewiesene Anwendung(en)

Kieselsäure, Flavonoide, Triterpensaponine, Avenin, Aminosäuren, Carotinoide, Vitamin B, E und K, Mineralstoffe und Spurenelemente (u.a. hoher Anteil an Kalium, Calcium, Magnesium); entzündungshemmende, immunmodulierende (Saponine), nervenstärkende Wirkung Verwendung in Präparaten gegen Herz-Kreislauf-Beschwerden und für die Atemwege;

Kontraindikationen

In den üblichen Dosen keine Nebenwirkungen bekannt

Wann wird sie gesammelt

Vor der Blüte

Welche Pflanzenteile werden verwendet?

ganze oberirdische Pflanze

Wie wird sie zubereitet?

Tee, Pellets, getrocknet

Trivia

Grünhafer wird in südlichen Ländern wie Heu geerntet und gemischt mit ganzen Luzernepflanzen als Raufutter gefüttert

Sanoanimal Kräutertipp:

Hafer bringt wohl jeder Pferdebesitzer mit dem Getreide bzw. Kraftfutter in Verbindung. Doch was ist jetzt Grünhafer? Grüne Haferkörner? Nein, überhaupt nicht. Grünhafer ist die ganze oberirdische Pflanze des Hafers, die im optimalen Fall kurz vor oder in der Blüte geerntet wird, also noch bevor Haferkörner entstehen. Der Erntezeitpunkt spielt eine große Rolle in den Nährwerten, die der Grünhafer später hat, denn unmittelbar nach der Blüte setzt die so genannte Milchreife ein, in der das Haferkorn entsteht. Schaut man sich die Nährwerte der komplett geernteten Haferpflanze vor der Milchreife an, dann sieht das wie folgt aus:

Rohprotein: 8-15%
Rohfaser 15-30%
Rohasche 4-8%
Zucker: 4-8%
Stärke: 1-4%

Wartet man aber die Milchreife ab, dann sehen die Analysedaten schnell so aus:

Rohprotein: 8-15%
Rohfaser: 15-25%
Rohasche: 4-8%
Zucker: 20-30%
Stärke: 20-30%

Man sieht also, dass zum richtigen Zeitpunkt (kurz vor oder zur Blüte) geernteter Grünhafer sich gut als Pferdefutter eignet, aber erntet man zu spät (in oder nach der Milchreife), dann wird es sehr schnell problematisch für unsere Vierbeiner. Deshalb ist Grünhafer nicht gleich Grünhafer, der Teufel liegt – wie so oft – im Detail.

Als Pferdefutter ist der Grünhafer bei uns bisher eher unbekannt, obwohl er viele positive Eigenschaften mit sich bringt. So ist er im Vergleich zum Hafergetreide kein reines (stark stärkehaltiges) Kraftfutter, sondern durch die Verwendung der ganzen Pflanze ein eiweißreiches Kraftfutter mit Raufuttercharakter. Das macht ihn im Hinblick auf seine Nährwerte eher vergleichbar mit Luzerne oder Esparsette.

Haferkraut weist durch den hohen Eiweißwert durchaus einen hohen Energiegehalt auf: 1 kg Grünhafer enthält einen Energiegehalt von im Schnitt 11-13MJ/kg Trockenmasse, während Heu üblicherweise bei 8-10MJ/kg Trockenmasse liegt. Zum Vergleich: Hafergetreide kommt auf 12-14MJ/kg Trockenmasse. Dennoch ist die Energie aus Grünhafer für die meisten Pferde vorzuziehen, da sie im Wesentlichen aus Eiweiß stammt und nicht aus der für die Verdauung des Pferdes problematischen Stärke.

Entsprechend sollte Grünhafer als Ergänzungsfutter zum Raufutter herangezogen werden und nicht statt Heu gefüttert werden, denn mit seinem hohen Energie- und auch Eiweißgehalt spielt Grünhafer durchaus in der Kraftfutterliga.

Zum Vergleich: Pferdeheu hat normalerweise 6-9% Rohproteingehalt. Durch die niedrigen Stärke- und Zuckergehalte im Grünhafer im Vergleich zum Hafergetreide (Haferkörner weisen im Schnitt 40% Stärkegehalt auf) treten bei der Fütterung von Grünhafer als Kraftfutter weniger Probleme und Erkrankungen auf wie Dysbiosen, Hufrehe, Lympheinlagerungen oder Insulinresistenz, die häufig mit hohen Stärkegehalten in der Ration einhergehen.

Grünhafer wird, anders als Getreidekörner, durch seinen hohen Cellulosegehalt (bis zu 25%) überwiegend erst im Dickdarm verdaut, sodass im Magen und Dünndarm keine Propionsäure und keine Gase entstehen, wie es bei Getreidefütterung vorkommen kann. Damit kann das Risiko für Gaskolik und Magengeschwüre deutlich verringert werden. Somit ist der Grünhafer auch für magenempfindliche Pferde geeignet.

Wegen seiner guten Nährwerte sollten Ponys nur maximal 250-500 g Grünhafer pro Tag erhalten und Pferde in leichter Arbeit 500-750 g pro Tag. Hat man ein Hochleistungspferd im Stall, welches schwere Arbeit verrichtet, kann die Menge entsprechend auf bis zu 2 kg erhöht werden. Hierzu sollte man allerdings einen Ernährungsberater heranziehen, um die geleistete Arbeit entsprechend richtig einschätzen zu können. Oft leisten die Pferde viel weniger, als man als Reiter meint. Außerdem sollte immer darauf geachtet werden, den Energiebedarf auch bei sportlich gerittenen Pferden zunächst aus Heu zu decken und dann die eventuell noch notwendige Kraftfuttergabe in Form von Grünhafer oder anderen Energieträgern auf zwei bis drei Portionen am Tag verteilen.

Feld mit Hafer
Man sollte aber immer darauf achten, dass man in der Fütterung bei Pferden nur Grünhafer verwendet, der auch zur richtigen Zeit geerntet wurde. ©Evgenia Tiplyashina

Neben ihren sehr guten Nährwerten enthält die Haferpflanze auch einen hohen Anteil an Mineralien (Rohasche 4-8%), unter anderem Kalium, Calcium und Magnesium sowie ein ausgewogenes Calcium-Phosphor-Verhältnis. Hafer enthält mehr Kieselsäure als andere Gräser, die vor allem auf das Bindegewebe, zu dem auch Sehnen und Bänder gehören, positiv wirkt. Außerdem ist Grünhafer reich an B-Vitaminen und essentiellen Aminosäuren.

Bereits Hildegard von Bingen bezeichnete die Haferpflanze als „beglückende gesunde Speise“, welche „frohen Sinn und klaren Verstand“ bereite. In der traditionellen Medizin wird der grüne Hafer insbesondere als Blasenkräutertee bei Entschlackungskuren sowie gegen Schlaflosigkeit, nervöse Erschöpfung oder zur Senkung eines erhöhten Harnsäurespiegels eingesetzt. Er hat laut der Naturheilkunde eine harntreibende Wirkung, welche die natürliche Entgiftung unterstützt. Aufgrund dessen wird Grünhafer häufig in ausleitenden Kräutermischungen, beispielsweise während des Fellwechsels, eingesetzt.

Man sollte aber immer darauf achten, dass man in der Fütterung bei Pferden nur Grünhafer verwendet, der auch zur richtigen Zeit geerntet wurde. Zu spät geernteter Grünhafer ist aufgrund seiner hohen Zucker- und Stärkegehalte insbesondere für Freizeitpferde, Robustpferde und solche mit Insulinresistenz, Hufrehe-Vorgeschichte, Cushing-Symptomen oder starkem Übergewicht hochgradig problematisch.

Grünhafer kann entweder als geschnittenes Kraut, aufgegossen als Tee oder pelletiert verfüttert werden.

Quellen:

  • Flora Team (25.01.2017): Arzneipflanze des Jahres 2017. Hafer. https://www.flora-pharm.de/blog/wertvoller-hafer/ (zuletzt aufgerufen am 12.02.2023)
  • Fritz, Dr. Christina (2015): Pferde fit füttern. Cadmos Verlag, Schwarzenbek. 4. Auflage.
  • Ganz, Chrischta (06.03.2017): Arzneipflanze des Jahres 2017: Hafer (Avena sativa). Schweizerische Zeitschrift für Ganzheitsmedizin. Aus der Praxis für die Praxis.
  • Schneider, Dr. sc. agr. Kerstin: Die Bedeutung des Grünhafers in der Fütterung des Pferdes.
  • Fukushima M, Matsuyama F, Ueda N, Egawa K, Takemoto J, Kajimoto Y, Yoneda M, Nakano M. Effect of corosolic acid on postchallenge plasma glucose levels. Diabetes Res Clin Pract. 2006;73(2):174-177. doi:10.1016/j.diabres.2006.01.010
  • Miraj, S., & Kiani, S. (2016). Study of pharmacological effect of Avena sativa: A review. Der Pharmacia Lettre, 8(9), 137-40.
  • Bratt, K., Sunnerheim, K., Bryngelsson, S., Fagerlund, A., Engman, L., Andersson, R. E., & Dimberg, L. H. (2003). Avenanthramides in oats (Avena sativa L.) and structure− antioxidant activity relationships. Journal of agricultural and food chemistry, 51(3), 594-600.

Team Sanoanimal