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CDL – Einsatz am Pferd oder lieber Finger weg?

CDL – Einsatz am Pferd oder lieber Finger weg?
© Adobe Stock / JIT

CDL ist besonders durch Corona vermehrt ins Gespräch gekommen. Aber was ist das eigentlich und wofür wird es eingesetzt? Chlordioxidlösungen, also Chlordioxid in Wasser gelöst, werden als MMS oder CDL verkauft und dienen vor allem zur Desinfektion von Oberflächen und zur industriellen Wasseraufbereitung.

Chlordioxid besteht aus einem Chlor- und zwei Sauerstoffatomen und liegt bei Raumtemperatur als leicht flüchtiges Gas vor, welches einen stechenden Geruch mit sich bringt. Bei MMS, genauer Miracle Mineral Solution bzw. Master Mineral Solution, dessen Wirkstoff Chlordioxid ist, handelt es sich um eine Verbindung aus Natrium und Chlor, also eine Natriumchloritlösung (Achtung: nicht zu verwechseln mit dem Kochsalz Natriumchlorid), welche mit verschiedenen Säuren, wie z.B. Zitronensäure, aktiviert werden kann, um die Chlorverbindung freizusetzen. Diese Verbindung liegt dann als gasförmiges Chlordioxid vor und wirkt sowohl ätzend als auch desinfizierend.

Tritt Natriumchlorit (nicht Natriumchlorid!) in Verbindung mit Wasser, werden Bakterien und Viren in Abhängigkeit der Konzentration abgetötet.

Wird Natriumchlorit mit einer Säure vermischt, entsteht Chlordioxid, also eine hochreaktive chemische Verbindung aus Chlor und Sauerstoff. MMS in Verbindung mit einer Säure ist also CDL.

Es liegen Studien vor zur Anwendung von Chlordioxid (CDL) im Bereich der Wasser- oder Abwasserbehandlung, der Umwelt- und Lebensmitteldesinfektion sowie der Desinfektion im Medizinbereich. Darüber hinaus ist Chlordioxid laut Trinkwasserverordnung auch zur Aufbereitung und Desinfektion von Trinkwasser zugelassen. Weist die Chlordioxidlösung eine Konzentration unter 0,3% auf, muss sie im Endprodukt nicht mehr als Gefahrenstoff gekennzeichnet werden.

Es liegen allerdings keine Daten vor, welche die Wirksamkeit von CDL bzw. die Risiko-Nutzen-Abschätzung im Rahmen von klinischen Prüfungen an Versuchstieren oder Menschen belegen. Daher sind diese Produkte nicht als Arzneimittel, Lebens- oder Futtermittel zugelassen und auch nicht für die direkte Anwendung am Tier oder am Menschen gedacht.

In einigen Kreisen wird CDL als „Wundermittel“ angepriesen, wo teilweise nicht auf die möglichen Gefahren hingewiesen wird oder diese heruntergespielt werden. Zwar findet man in einigen Büchern die Randnotiz, dass CDL ausschließlich als Wasserreinigungsmittel in Deutschland zugelassen ist, aber diese Aussage dient meist nur dazu, die Autoren gegen etwaige Schadensersatzklagen abzusichern, wenn man den sonstigen Lobpreisungen des Wundermittels gefolgt ist und das selber eingenommen oder seinem Tier verabreicht hat.

© Adobe Stock / OrangeDeer

Unter den Befürwortern von CDL wird die Wirkung folgendermaßen beschrieben: Da Chlordioxid Wasser reinigt, wird dies auf den menschlichen Körper übertragen, der zu 70% aus Wasser besteht. Durch dieses Wasser muss jeder Krankheitserreger schwimmen, sodass angenommen wird, Chlordioxid könne die Krankheitserreger bereits hier abfangen, sogar bevor die Krankheit ausbricht. Die Idee, Chlordioxid einzusetzen, um den Körper sozusagen von innen zu desinfizieren, stammt von Jim Humble, welcher CDL an Malaria-Erkrankten testete und in den folgenden Jahren als „Wundermittel“ gegen alle Infektionskrankheiten – von Malaria bis HIV – bewarb. Durch eine schwache Oxidation soll CDL die Keime abtöten – so schwach, dass sie dem Körper nicht schadet, aber so stark, dass sie die Keime abtötet. Die körpereigenen Bakterien sollen, laut Befürwortern, gegen das CDL immun sein, da sie auch durch Sauerstoff nicht angegriffen werden können.

Nimmt man sich einen Moment Zeit, über diese Aussage nachzudenken, dann kommt man schon darauf, dass diese Sichtweise komplett absurd ist. Denn „körpereigene“ Bakterien, oder echte Symbionten, sind für jeden Organismus anders. Wie sollte ein Mittel wie CDL (oder kolloidales Silber oder auch Propolis, von denen letztlich dasselbe behauptet wird: sie könnten die „guten“ von den „schlechten“ Bakterien unterscheiden) selektiv unterscheiden können, welche Bakterien abzutöten sind? Das Einzige, was alle Bakterien der verschiedensten Tierarten – beispielsweise im Darm – gemeinsam haben, ist die Tatsache, dass Darmbakterien allesamt anaerobier sind, also unter nur ohne Sauerstoff leben können. Denn im Darm ist üblicherweise kein Sauerstoff zu finden. Kommen diese anaeroben Bakterien mit Sauerstoff (nach Ausscheidung mit dem Kot oder eben durch CDL) in Berührung, sterben sie ab. Die „guten“ genauso wie die „bösen“.

Die 70% Wasser, aus denen der Körper besteht, sind größtenteils in Zellen gebunden. In diese gelangt das CDL in dieser Form niemals. Wenn doch, dann würden die Zellen sehr schnell absterben, da freier Sauerstoff tödlich auf die Zellen wirkt. Und auch in das Blut sollte CDL tunlichst nicht gelangen, denn nicht nur Bakterien sondern auch Blutzellen reagieren sensibel auf Oxidation und sterben ab. Im Gegenteil sind die meisten Bakterien deutlich besser in der Lage, sich gegen Angriffe von Außen zu wehren als unsere körpereigenen Zellen. Es ist also eine erschreckende Vorstellung, dass ein gegen Bakterien wirksames Desinfektionsmittel in den Körper gelangen und sich dort verteilen könnte, das würde der Organismus nicht lange überleben.

Und so mag es vielleicht „im Reagenzglas“ möglich sein, durch CDL fast 100% aller Krankheitserreger durch Oxidation unschädlich zu machen, aber hier herrschen nicht dieselben Verhältnisse wie in einem lebenden Organismus.

Zusammenfassend kann man also sagen, dass selbst Menschen, die für CDL werben und in Praxen vermeintlich positive Erfolge feststellen konnten, auf die Gefahren und fehlende Studienlage hindeuten und somit den Einsatz auf die Selbstverantwortung schieben. Dies sollte einen stutzig machen und zum Nachdenken anregen, bevor man etwas blind nach einer Empfehlung vom Hörensagen füttert. Insgesamt muss man feststellen, dass keine wissenschaftlichen keine Studien über in den einschlägigen Büchern beschriebenen Wirkungen, die Nebenwirkungen oder über Placebo-Effekte vorliegen, weshalb von dem Einsatz am Pferd dringend abzuraten ist.

Quellen:

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