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Eiweiß in der Aufzuchtfütterung

Eiweiß in der Aufzuchtfütterung
© Adobe Stock / Pedro

Solange auf den Weiden saftiges Grün steht, sollten Aufzuchtpferde nach Möglichkeit nur Gras, Heu, Mineralfutter und einen Salzleckstein zur Verfügung haben. Das reicht bei gesunden Jungpferden aus für eine gute Entwicklung. Natürlich darf es hier oder da mal ein Leckerchen sein. Dafür kann man z.B. eine Möhre in kleine Scheiben schneiden und diese dann als Belohnung verwenden. Es sollte nicht mehr als eine Möhre am Tag sein. Wenn man die schön klein schneidet, bekommt man aus einer Möhre eine Menge Leckerli raus.

Wenn der Sommer sehr trocken ist – wie wir das ja im Zuge des Klimawandels immer häufiger erleben – und das Gras nicht so richtig wachsen will, sollte man aber über eine Zufütterung über die Sommermonate nachdenken. Ist es zu trocken und das Gras kann nicht nachwachsen, dann sollten die Pferde nach Möglichkeit entweder ganz von den Weiden genommen werden oder man „opfert“ eine Weide (die dann mehr oder weniger zur Wüste wird) für den Bewegungsspielraum und füttert in jedem Fall Heu dazu.

Dann fehlt den Jungpferden natürlich Eiweiß für ihre Entwicklung, das sie sich normalerweise aus dem frischen Gras holen können. Während Modelle aus der Robustpferdeliga mit gutem Heu meist noch ausreichend versorgt sind, muss man bei Warmblütern, Vollblütern und anderen großrahmigen Kandidaten doch etwas mehr Eiweiß in die Ration nehmen. Viele Aufzuchtfuttermittel arbeiten hier mit Soja, das zwar sehr eiweißreich ist, aber nicht nur ökologisch fragwürdig, sondern auch minderwertiges Eiweiß für das Pferd liefert.

Beim Eiweiß für Jungpferde geht es nicht nur um die Gesamtmenge, sondern vor allem um die Qualität. Diese richtet sich nach dem Anteil an essentiellen Aminosäuren, also solchen, die das Pferd nicht selber produzieren, sondern über seine Nahrung aufnehmen muss.

Man kann die essentiellen Aminosäuren vergleichen mit den Vokalen im Alphabet. Es hilft überhaupt nichts, wenn man bergeweise Konsonanten zur Verfügung hat, man wird damit keinen vernünftigen Satz bilden können. Nur wenn ausreichend Vokale mitgeliefert werden, funktioniert die Sprache. Dasselbe gilt für Eiweiße: Sie müssen im Körper aus Aminosäuren aufgebaut werden, die in einer ganz definierten Reihenfolge aneinander gekettet werden. Fehlt dabei eine Aminosäure, dann kann das Eiweiß nicht gebildet werden. Fehlt beim Eiweiß das E, dann kommt nur iwiß heraus, das ist nicht dasselbe.

Alle nicht-essentiellen Aminosäuren, also unsere Konsonanten, kann der Organismus selber produzieren, daher sind sie nicht so sehr limitierend. Essentielle Aminosäuren sind beim Pferd Lysin, Threonin und Methionin. Ein Eiweiß ist also umso hochwertiger als Futtermittel, je höher der Gehalt an diesen drei Aminosäuren ist. Da fällt Soja leider ziemlich unten durch, zumal Soja auch noch eine nicht-dünndarmverdauliche Stärke namens Stachyose enthält, die in den Dickdarm eingetragen wird und uns dort für ganz unerwünschte Dysbiosen sorgt.

© Adobe Stock / Karin Witschi

Ein viel besserer Eiweißlieferant für Pferde sind Leguminosen wie Luzerne oder deren „kleine Schwester“ die Esparsette. Hier wird die ganze Pflanze verfüttert, die normalerweise pelletiert angeboten wird. In den Pellets ist vor allem der wichtige Blatt- und Blütenanteil enthalten, der die meisten Proteine liefert. Gehäckselte Luzerne oder Esparsette sollte man auf keinen Fall füttern, da a) die Faserlänge nicht richtig gekaut werden kann und im Dickdarm Dysbiosen verursachen kann und b) hier meist der Blatt- und Blütenanteil abgetrennt wurde, sodass der Eiweißgehalt deutlich geringer ist als in den Pellets.

Füttert man die Pellets solcher Pflanzen, dann bekommt man in der Regel etwa 15% Rohproteingehalt mit einem hohen Anteil an den essentiellen Amionsäuren. Das ist also hochwertiges Eiweiß, das gleichzeitig stärkefrei ist (im Gegensatz beispielsweise zu Sojaschrot) und gut verdaulich. Esparsette- und Luzernepellets werden zum Einweichen angeboten (Pellet Durchmesser meist 5 – 10mm), aber auch um sie trocken in den Trog zu geben (Pellet Durchmesser <4mm), wenn das Einweichen logistisch nicht machbar ist.

Die Luzerne ist immer mal wieder in der Kritik, da sie die Pferde photosensibel macht. Das heißt insbesondere Pferde mit exponierter unpigmentierter Haut (große Blesse mit rosa Nase, fehlende Pigmentierung rund um die Augen, wie sie bei Cremellos, Perlinos, Tigerschecken oder Appaloosas oft vorkommt) ist dann sensibel für Sonnenbrand.

Außerdem enthält Luzerne Oxalate, welche Calcium abbinden, sodass es nicht dem Stoffwechsel zur Verfügung steht. Hier ist immer die Frage, wie calciumreich das Grundfutter ist, um abzuschätzen, ob das in der Fütterung ein Problem darstellt. In den meisten Regionenstellt Calciummangel im Raufutter definitiv kein Problem dar. Ganz anders sieht das aus in einem Aufzuchtstall in Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern. Durch die Sandböden hat man dort häufig sehr calciumarmes Heu, dann muss man mit dem Mineralfutter gegenbalancieren oder auf Luzerne verzichten.

Als Alternative zur Luzerne bietet sich die Esparsette an. Sie macht nicht photosensibel und enthält auch keine Oxalate. Dafür ist sie häufiger in der Kritik wegen der enthaltenen kondensierten Tannine. Das sind Gerbstoffe, wie sie in vielen Pflanzen vorkommen. Sie wirken in kleinen Mengen stabilisierend auf das Darmmilieu und fördern die Verwertung der im Futter enthaltenen Eiweiße, es wird also die Gesamtfutterration besser verwertet als ohne Esparsette. Im Übermaß wird es natürlich problematisch – die Dosis macht immer das Gift.

Daher sollte man nicht nur aufgrund es hohen Eiweißgehalts sondern auch aufgrund der Tannine die Mengenbegrenzungen der Hersteller dringend beachten. Hier gilt, dass ein ausgewachsenes 600kg Pferd nicht mehr als 3kg am Tag bekommen sollte, da sprechen wir bei 15% Rohproteingehalt schon über 450g Rohprotein. Das allein deckt schon den Erhaltungsbedarf bei einem ausgewachsenen Pferd! Nicht zu vergessen, dass ja auch im Heu und ggf. Weidegras noch Eiweiß enthalten ist.

Wenn wir hier von einem mageren Heu ausgehen mit 6% Rohprotein und ein Pferd davon im Schnitt 12kg pro Tag frisst, kommen wir schon auf rund 720g Rohprotein. Das ist natürlich jetzt Rohprotein, nicht präcäcal (also im Dünndarm verdauliches) Rohprotein. Insgesamt sind solche Rechnungen immer sehr mit Vorsicht zu genießen, weil nicht nur der Eiweißgehalt von Heuballen zu Heuballen und bei einer Weide von Woche zu Woche schwanken kann, sondern die Pferde auch alle einen individuell sehr unterschiedlichen Stoffwechsel haben.

Daher gilt immer noch der alte Spruch: Das Auge ist der beste Futtermeister. Das heißt: Pass die Menge an den Zustand des Pferdes an.

Man sollte Youngster nicht so füttern, dass sie ständig aussehen wie hochbeinige Mastschweine. Jungpferde wachsen immer in Schüben. Das sieht so aus, dass man zwischenzeitlich mal das Gefühl hat, ein „normal“ aussehendes Pferd im Stall zu haben. Dann kommt eine Phase, wo man anfängt, sich um Übergewicht Sorgen zu machen, gefolgt von einem Wachstumsschub, in dem das Pferd oft innerhalb von wenigen Tagen hinten plötzlich 10cm höher ist als vorne und man gleichzeitig alle Rippen zählen kann.

Sie haben sozusagen „Reserven“ angelegt für diesen Wachstumsschub, die dann schnell aufgebraucht werden, sodass das rangefütterte Gewicht gleich wieder weg ist. Auf den Wachstumsschub der Hinterhand folgt dann etwa ein halbes Jahr, wo die Vorhand langsam „nachwächst“, bis das Pferd wieder Vorhand-Hinterhand balanciert aussieht, aber meist immer noch rappeldünn. Erst dann legen sie wieder an Gewicht zu und in dem Moment, wo man über eine Reduktion des Futters nachdenkt, kommt der nächste Wachstumsschub.

Es ist also „normal“ bei Jungpferden, dass sie einen großen Teil ihrer Zeit sehr schlank bis etwas rippig sind. Füttert man sie dann mit Eiweiß so auf, dass sie „rund“ aussehen, drückt zu viel Gewicht auf die noch nicht fertig ausgebildeten Gelenke und man erhöht das Risiko für das Entstehen von OCD (Osteochondrosis dissecans, „Gelenkchips“). Deshalb muss man hier mit viel Fingerspitzengefühl die Zufütterung von Eiweiß immer an den jeweiligen Entwicklungsstand und die Grundfutterqualität anpassen.

Wenn man merkt, dass sich das Pferd schwer tut mit dem nächsten Entwicklungsschub, dann gib etwas mehr Esparsette oder Luzerne zu. Wenn man die Rippen nicht mehr sehen kann, dann dringend Eiweiß wieder reduzieren. Da die Esparsette nicht nur Eiweiß liefert, sondern aufgrund der enthaltenen Gerbstoffe auch die Gesamtration besser verwertbar macht, reichen oft relativ kleine Mengen. Am besten man sich daher einen kleinen Trinkbecher (0,25 – 0,3L) zum Abmessen. Mit den großen Müslischaufeln ist man immer in Versuchung, zu viel zu füttern.

Auch bei gutem „Weidewetter“, wo regelmäßig frisches Grün nachwächst, kommt dann irgendwann der Punkt, wo auf den Flächen nur noch „Heu am Stiel“ steht. Deshalb muss man meist ab Hochsommer oder Herbst anfangen, etwas dazu zu geben. Aber hier gilt immer: weniger ist mehr.

Natürlich könnte man das Pferd auch mit einem „Fohlenstarter“ ganz schnell rund und schick füttern. Diese Futtermittel sind extra so zusammengesetzt, dass die Pferde schnell in die Höhe wachsen und mastig werden, sodass sie praktisch zu jeder Zeit aussehen wie ein fertiges kleines Reitpferd. Das blendet nicht nur Käufer von Jungpferden, sondern verführt vor allem dazu, viel zu früh viel zu viel von ihnen zu fordern. Denn das, was man da sieht, ist kein gesundes Wachstum. Die Knochen haben instabiles Material, das Gewicht für die Gelenke ist zu schwer und Fehler in der Haltung oder Hufzurichtung tun dann ihr übriges.

Da die so gefütterten Pferde immer schon so früh „fertig“ aussehen, werden sie oft schon mit 3 Jahren angeritten und laufen mit 4 Jahren im großen Sport, während sie eigentlich noch mitten im Wachstum sind. Denn jedes Pferd ist erst mit 6 Jahren ausgewachsen, egal wie man es füttert. Erst zwischen dem 5. und 6. Lebensjahr verknöchern die letzten Wachstumsfugen. Dann entwickeln sich die Pferde nochmal weiter, setzen Muskulatur an, verändern ihre Form, sodass sie mit 8 Jahren dann wirklich „ausgewachsen“ sind. Nur die „Fohlenstarter“-gefütterten sehen mit 3 schon fertig aus.

Wenn man sein Pferd in der Aufzucht artgerecht ernährt, werden sicher einige Leute mitleidig gucken, wenn der Sportlernachwuchs mit drei noch so aussieht wie deren Pferd als Jährling. Wenn man selber noch das kleine Einmaleins der Bodenarbeit macht, während sie schon Turnierschleifen nach Hause bringen. Die Quittung für dieses Turbowachstum bekommen die Leute aber ein paar Jahre später, wenn ihre Pferde mit 7 oder 8 Jahren schon aus dem Sport ausscheiden, weil sie „kaputtgeritten“ sind.

Hier spielen das zu schnelle Wachstum und das zu früh zu hohe Gewicht ebenso eine Rolle wie die zu frühe reiterliche Belastung, sodass Verschleiß am Bewegungsapparat viel früher eintritt. Mit 8 Jahren ist ein Pferd eigentlich erst fertig entwickelt. Da ist für viele Sportpferde die Karriere schon zu Ende. Und das im Wesentlichen nur, weil der Mensch in den ersten Jahren zu ungeduldig war und seinem Pferd nicht die notwendige Zeit zum Wachsen und Entwickeln gegeben hat.

Die Zeche bezahlen die Pferde. Kaputte Sehnen oder Fesselträger, chronische Hufrolleentzündung, Kissing Spines, unerklärliche Lahmheiten, chronische Erkrankungen im Bewegungsapparat, stressbedingte Magengeschwüre, Leistungsverweigerung, Burnout – alles Sportpferdekrankheiten, die vermeidbar wären, wenn man den Jungpferden mehr Zeit geben würde, erwachsen zu werden, statt sie mit viel Eiweiß in den ersten Lebensjahren zu mästen.

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