Heiß diskutiert: Pronutrin als wirksame Substanz bei Magengeschwüren?

Heiß diskutiert: Pronutrin als wirksame Substanz bei Magengeschwüren?

Heiß diskutiert: Pronutrin als wirksame Substanz bei Magengeschwüren?

Heufütterung in Mahlzeiten zusammen mit Kraftfutter und Pronutrin sorgt für höhere pH-Werte im Magen als Heu ad libitum Fütterung! Deshalb sollten Pferde mit Magengeschwüren für die Therapie keinesfalls Heu ad libitum bekommen, sondern Heu in Rationen mit Kraftfutter (und Pronutrin).

So zumindest die zusammenfassende Aussage einer immer wieder heiß gehandelten Doktorarbeit aus dem Jahr 2007 (Damke C, 24-stündige intragastrale pH-Metrie beim Pferd während der Fütterung verschiedener Rationen, Universität Leipzig, 2007). Aber was ist dran an dieser Aussage? Dafür muss man sich mal die gesamte Studie durchlesen und nicht nur die Zusammenfassung.

Studien bei/mit Pferden – machbar, aber aufwendig

Wissenschaftliche Studien sind bei Pferden immer noch wenig vorhanden, umso wichtiger sind sie, um bessere Behandlungsmöglichkeiten für verschiedene Erkrankungen zu finden. Viele dieser Studien sind allerdings nicht dazu geeignet, sie direkt auf das Pferd im Reitstall zu übertragen und in den Alltag zu integrieren, denn bei wissenschaftlichen Studien werden immer nur einzelne Teilaspekte des Organismus angeschaut, niemals das ganze Pferd (da solche Datenmengen keiner erfassen könnte). Außerdem werden immer relativ kleine Gruppen untersucht, da eine Versuchstierhaltung von Großtieren auch für die Universitäten sehr teuer und aufwendig ist. Deshalb muss man die Aussagekraft einer einzelnen Studie schon aus statistischen Gründen immer kritisch hinterfragen. Entsprechend ist eine einzelne Studie oft noch nicht ausreichend, sondern man muss sich mehrere anschauen, die verschiedene Teilaspekte des Themas betrachten und daraus einen Querschnitt ermitteln. Darüber hinaus muss man sich auch den Aufbau jeder Studie genau anschauen, denn hier können methodische Fehler zu erheblichen Verzerrungen des Ergebnisses führen.

Genau das sind die Probleme bei der eingangs genannten Doktorarbeit, die sich mit dem pH-Wert im Magen nach verschiedenen Fütterungsschemata bzw. Futtermitteln auseinandersetzt. Hier wurden lediglich sechs Tiere eingesetzt und, jeweils nach 14 Tagen Gewöhnungszeit an das Futter, für 24 Stunden der pH-Wert im Magen mittels Sonde ermittelt.

Die Grundaussage ist hier: um eine Veränderung (Entzündung, Geschwür) am Magen zur Abheilung zu bringen, sollte der pH-Wert des Magens über 4 gehalten werden und das erreicht man durch Heu in Mahlzeiten mit Kraftfutter, aber nicht mit Heu ad libitum.

Aber wie wurde die Untersuchung durchgeführt?

Fütterung vor der Messung des pH-Wertes

Die 6 Pferde durchliefen nacheinander 3 Fütterungsschemata für jeweils 14 Tage, bevor gemessen wurde:

  1. 24/7 14 Tage Heu ad libitum (die Pferde fraßen im Schnitt 2,4kg / 100kg Körpergewicht)
  2. Heu rationiert (1,5kg / 100kg Körpergewicht) in drei Mahlzeiten mit 4 Mahlzeiten Kraftfutter (Energiepellets und Quetschhafer)
  3. Heu rationiert (1,5kg / 100kg Körpergewicht) in drei Mahlzeiten in Kombination mit 4 Mahlzeiten Kraftfutter (Energiepellets und Quetschhafer) plus Pronutrin, ein Pektin-Lecithin-Komplex, der die Anhebung des Magen pH-Wertes im Vergleich zur reinen Heufütterung wesentlich verbessern soll.

Jeweils nach jeder dieser 14-tägigen Fütterungen erfolgte eine 24 stündige Messung des pH-Wertes im Magen mit einer Sonde, die gastroskopisch unter Sedierung im Magen platziert wurde und mit einer langen Schnur, die von der Sonde bis zur Nüster reichte, am Halfter befestigt war.

Bei sechs Pferden mit drei verschiedenen Fütterungsschemata ergeben sich somit 18 verschiedene Messungen, die insgesamt durchgeführt wurden. Allein schon bei 10 von diesen 18 Messungen kam es zu einem Verrutschen der Magensonde in den Ösophagus (Speiseröhre). Einmal rutschte die Sonde bis in den Dünndarm. Beides äußerte sich in pH-Werten über 6. Wieviel Werte jedoch unbrauchbar waren und wie viele letztlich in die statistische Auswertung einflossen, kann man aus den Daten nicht erkennen. Das reduziert die Anzahl der (ohnehin schon überschaubar wenigen) Messwerte jedoch beträchtlich, sodass so eine Untersuchung schon aus Sicht der statistischen Belastbarkeit der Daten eher fragwürdig ist.

Bei Menschen ist der pH-Wert im Magen alters- und geschlechtsabhängig

In der Doktorarbeit wird darauf verwiesen, dass es beim Menschen Unterschiede im pH-Wert des Magens zwischen männlichen und weiblichen Personen gibt, bei Menschen und Hunden zeigen sich auch altersabhängige Unterschiede. Das alles ist bei Pferden aber noch gar nicht untersucht. Trotzdem wurde hier eine völlig uneinheitliche Gruppe untersucht mit sowohl männlichen als auch weiblichen Tieren, verschiedenen Altersstufen und auch zwei Tiere, die Veränderungen im Magen („Magengeschwüre“) zeigten. Die Ergebnisse wurden aber immer nur als Median von allen Tieren gezeigt, niemals eine Unterscheidung zwischen den einzelnen Individuen gemacht bzw. entsprechende Gruppen gebildet, was natürlich aufgrund der kleinen Gruppengröße hier nicht möglich war.

Bei zwei Pferden kam es unter reiner Heufütterung zu einer längeren Fresspause

Bei zwei Pferden zeigte sich unter reiner Heufütterung über längere Zeit ein pH-Wert zwischen 1 und 2, d.h. es kam zu dieser Zeit zu keiner Futteraufnahme. Womit diese Pausen zusammenhingen, wurde nicht analysiert. In den anderen Gruppen passierte dies nicht, da diese Pferde Kraftfutter dazu bekamen. Eventuell war hier das Fressen des wesentlich weicheren Kraftfutters mit einer im Schlund hängenden Sondenschnur angenehmer als das Fressen des Heus. Für die Berechnung des Median-Wertes (Mittelwert) in der Fütterung wurden diese atypischen Werte jedoch mit einbezogen, was statistisch unzulässig ist.

In der Heu-ad-libitum Gruppe gab es keinen zusätzlichen Anreiz zu fressen

Was uns gleich zu der nächsten Frage bringt, warum in einem Versuch, in dem zwei faserreiche Futter miteinander verglichen werden sollen, in der einen Gruppe mit Kraftfutter kombiniert wird, obwohl explizit in der Arbeit darauf hingewiesen wird, dass die Erhöhung des pH-Wertes durch das Kraftfutter auf keinen Fall dazu dienen soll, Läsionen am Magen zu heilen. Wäre da nicht die gleichzeitige Fütterung von Heucobs statt Pellets und Hafer mit und ohne Zusatz sinnvoller gewesen? Denn jeder, der sich mit Pferden beschäftigt weiß, dass getreidehaltiges Futter im Trog doch deutlich lieber gefressen wird als Heu. Zudem hätte man so auch eine Veränderung des Fressverhaltens durch die Magensonde bei den Heu-ad-libitum-Pferden analysieren können, denn alles, was im Trog angeboten wird, ist attraktiver als Heu. Die Pferde in der Kraftfutter- und Pronutrin-Gruppe wurden also vermutlich eher dazu animiert zu fressen als die Pferde in der Heu-ad-libitum Gruppe, denen ein zusätzlicher Anreiz fehlte. Wollte man wirklich vergleichbare Daten, dann wäre eine sinnvolle Aufteilung der Fütterungsschemata:

  1. Heu ad libitum
  2. Heu ad libitum mit eingeweichten Heucobs
  3. Heu ad libitum mit eingeweichten Heucobs und Pronutrin

Dann wären die Daten tatsächlich vergleichbar und man könnte sichtbar machen, ob Pronutrin einen positiven Effekt hat oder ob dieser nur durch die Zugabe von getreidehaltigem Kraftfutter erzielt wurde.

Einfluss der Magensonde auf die Futteraufnahme

Nicht untersucht wurde der Einfluss der Untersuchungsmethode auf das Fressverhalten der Pferde. Um zu vermeiden, dass die Magensonde eventuell einen Einfluss auf die Messergebnisse hat, hätte man den Versuch so aufteilen können, dass immer zwei Pferde ein anderes Futter über die 14 Tage erhalten, denn bei der Heu-ad-libitum Gruppe waren die Pferde das erste Mal mit der Magensonde ausgestattet und es kann nicht ausgeschlossen werden, dass dies die Futteraufnahme beeinflusste, während sie bei den nächsten beiden Versuchen bereits daran gewöhnt waren. Hätte man also parallel immer zwei Pferde in einer anderen Gruppe gehabt, wären in jeder Gruppe zwei Pferde gewesen, die das erste Mal diese Magensonde tragen.

In der Studie wird gesagt: „Die Pferde haben den aus der Nüster austretenden Schlauch und das Aufzeichnungsgerät im Mähnenschutz sehr gut toleriert und zeigten ein ungestörtes Fress- und Allgemeinverhalten“, was durch die folgenden Bilder belegt werden soll:

Inwieweit die Sonde die Pferde tatsächlich nicht eingeschränkt hat, muss man anhand des Gesichtsausdrucks beurteilen, Untersuchungen zum Stresslevel durch die Sonde (z.B. durch Messung von Speichel-Cortisol) wurden nicht durchgeführt.

Es lässt sich aus den Daten in der Studie auch nicht erkennen, ob die Pferde in den 14 Tagen vor dem Versuchstag mehr Futter aufgenommen haben als an diesem selbst, was die Beeinflussung der Magensonde dokumentiert hätte. Die Werte wurden zwar bestimmt, aber in der Arbeit nicht gezeigt.

Alle Pferde zeigten jedoch während 6 von 18 Versuchen kleine Einschnitte an der Nüster durch den Zug der Magensonde, in wenigen Fällen auch Würgen, Husten, Schnauben, Flehmen, Inappetenz und milde Kolik. Dass die Pferde sich mit der Magensonde nicht wohl gefühlt haben und das Einfluss auf das Fressverhalten haben kann, ist also recht naheliegend. Das hätte eine Auswertung des Fressverhaltens in den 14 Tagen vor der Messung im Vergleich zum Messtag deutlich gezeigt werden können und vermutlich die Daten der Heu-ad-libitum-Gruppe anderes aussehen lassen.

Medianwerte zeigen nicht das ganze Bild

In der Interpretation der Daten wird darauf verwiesen, dass der Mittelwert des pH Werts bei der Heu ad libitum Fütterung niedriger war als der Mittelwert bei der Mahlzeitenfütterung von Heu mit Kraftfutter bzw. Heu mit Kraftfutter und Futterzusatz. Das klingt erstmal so, als wäre der pH Wert bei Heufütterung durchweg saurer als bei den anderen Fütterungsschemata. Schaut man sich aber die Originaldaten an, dann ergibt sich ein etwas anderes Bild.

Heu ad libitum zeigt über die Messdauer von 24h als Mittelwert über alle Messungen folgendes Bild:

Der pH Wert sinkt deutlich ab nach dem Setzen der Sonde, was ein Hinweis darauf ist, dass die Pferde nicht sofort mit Begeisterung Heu gefressen haben, sondern erstmal für etwa 3 Stunden kein Futter aufgenommen haben. Dann steigt er mit Heuaufnahme an und ist die meiste Zeit im Normalbereich um pH 3 herum.

Bei der Messung der anderen Gruppen zeigt sich folgendes Bild:

Blau ist der Verlauf mit nur Kraftfutter, Dunkelrot der Verlauf mit Kraftfutter und Pronutrin. Hier wird deutlich, dass der pH Wert extrem schwankt im Vergleich zur Heufütterung. Im Mittelwert – also der Durchschnitt über alle Messpunkte in 24h – liegt er zwar etwas höher als der bei Heu ad libitum Fütterung. In den realen Messungen sackt der pH Wert jedoch immer wieder deutlich in den sauren Bereich ab, um dann wieder nach oben zu schießen. Das bedeutet, dass der pH Wert mitnichten über die ganze Zeit in einem weniger sauren Bereich liegt, wie der Medianwert vermuten lässt, sondern immer wieder pH Werte deutlich unter 3 auftreten. Außerdem wird aus dieser Darstellung auch ersichtlich, dass der Unterschied zwischen nur Kraftfutter und Kraftfutter plus Pronutrin marginal ist, sodass man eigentlich keine wirklich magenschützende Wirkung von diesem Futtermittel erwarten kann.

Damit ist die immer wieder verbreitete Aussage, dass Kraftfutter und Heu in Mahlzeiten zu einem höheren pH Wert im Magen führen und diese Fütterung daher schonender ist für den Magen als Heu ad libitum, ad absurdum geführt.

Wes Brot ich ess, des Lied ich sing….

Alles in allem sieht man, dass man mit geschickter Wahl des Versuchsansatzes die gemessenen Werte in die Richtung bringen kann, in die man möchte. Man nennt das auch „Reverse Research“ – das erwünschte Ergebnis wird durch die Wahl des experimentellen Aufbaus sowie geschickte Auswahl erwünschter bzw. Weglassen unerwünschter Daten erreicht.

Eine weitere Studie (Koeller e al., Pferdeheilkunde 2010) zeigt inzwischen, dass es mit Pronutrin nur zu einer durchschnittlichen Anhebung des Magen-pH-Wertes auf 2,7 für 15 Minuten kommt! Die Studie von Sanz et al. (The veterinary record, 2014) kommt sogar zu dem Schluss, dass die Fütterung eines Pektin-Lecithin Komplexes, weder zu einer Verbesserung führt noch zum Schutz vor Magengeschwüren dient.

Die einfachste und effektivste Methode zur Verhinderung von Magengeschwüren bleibt 24h Zugang zu Heu mit Weidegang

Die beste Therapie bleibt eine stressarme Haltung mit 24h Zugang zu Heu und (begrenzter) Weidegang. Mehrere Autoren konnten zeigen, dass es unter Heu-ad -libitum Fütterung nur äußerst selten zu Magengeschwüren kommt und auch nur in Kombination mit reiner Boxenhaltung (Stress). Hatten die Pferde zusätzlich Weidegang, konnte kein Magengeschwür nachgewiesen bzw. verursacht werden. Auch Luzerne hat eine hervorragende puffernde Wirkung durch ihren hohen Protein- und Calciumanteil. Vielleicht untersucht in naher Zukunft ja mal jemand, ob die Kombination von Heu ad libitum Fütterung mit Luzerne vorhandene Magengeschwüren noch besser und schneller abheilen lässt. Das aber hoffentlich mit einem sinnvollen Versuchsaufbau, dessen Ergebnisse man auch vertreten kann.

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