Mineralfutter individuell auf den Bedarf und den Mineralgehalt des Raufutters anpassen…Geht das?

Mineralfutter individuell auf den Bedarf und den Mineralgehalt des Raufutters anpassen…Geht das?

Die Idee, die Mineralversorgung exakt auf das Raufutter anzupassen, hört man immer wieder und sie klingt auch zunächst ganz logisch. Allerdings funktionieren biologische Systeme etwas komplexer. Das fängt bereits damit an, dass man nicht genau bestimmen kann, wie viel von welchen Mineralien das Pferd über das Raufutter aufnimmt. Natürlich kann man von jedem Heuballen Proben analysieren lassen.

Geht man jedoch davon aus, dass das Heu nicht von einer Monokultur-Wiese gewonnen wurde, sondern ein möglichst artenreiches, pferdegerechtes Heu ist, dann kann man bereits beim Betrachten solcher Wiesen feststellen, dass die Pflanzen nicht gleichmäßig über die Wiese verteilt sind.

Kräuter und auch Gräser bilden regelrechte „Nester“, in denen sie gehäuft vorkommen. Je größer die Wiese, desto unterschiedlicher ist dann auch der Bewuchs in den einzelnen Bereichen. So reicht schon eine sanfte Steigung aus, um an der Südseite dieses Hügelchens andere Pflanzen gedeihen zu lassen als an der Nordseite. Eine kleine Senke sorgt dafür, dass bei Regen gerne Pfützen lange stehen bleiben und bei Trockenheit hier länger die Feuchtigkeit steht. Entsprechend hat auch diese Senke schon wieder einen anderen Bewuchs.

© Adobe Stock / Achim Banck

Bei der Ernte werden nicht alle Pflanzen der Fläche homogen miteinander vermischt, sondern die Pflanzen eines Bereiches bleiben auch beim Ballenpressen dann recht nah beieinander. So findet man in Heuballen solcher Flächen auch entsprechende Ansammlungen von Pflanzen in regelrechten Nestern. Dafür muss man nur mal einen kompletten Rundballen ausrollen in einer langen Stallgasse und diese Bahn abgehen. Je nachdem, aus welchem Bereich des Ballens man dann seine Probe genommen hat, kann man sehr unterschiedliche Mineralwerte erhalten. 

Jetzt kann man natürlich argumentieren, dass für Heuanalysen immer mehrere Proben aus einem Ballen (außen, innen) sowie Proben von mehreren Ballen gezogen und gepoolt werden sollten als Sammelprobe. Damit erhält man dann zwar einen ungefähren Durchschnittswert für die Wiese, das wiederum entspricht aber nicht dem, was und wie die Pferde dann tatsächlich das Heu fressen. Denn für die Heufütterung mische ich ja nicht Heu aus verschiedenen Ballenschichten und von verschiedenen Ballen in einem Heunetz (= gepoolte Probe), sondern ich füttere den Ballen meist mehr oder weniger hintereinander weg und öffne dann den nächsten Ballen.

Von Fütterung zu Fütterung kann ich also sehr unterschiedliche Mineralgehalte in dem Heu haben, das die Pferde fressen.

Habe ich dann noch Heu von unterschiedlichen Wiesen und mit unterschiedlichen Schnittzeitpunkten, dann muss ich von jeder Charge (Charge = ein Schnitt derselben Wiese, der zweite Schnitt derselben Wiese ist die nächste Charge) eine Poolprobe machen, um deren Mineralgehalt bestimmen zu lassen. Denn die Mineralgehalte variieren sehr stark von Wiesen zu Wiesen und auch von Schnitt zu Schnitt bzw. von Jahr zu Jahr. Der erste Schnitt einer Wiese in diesem Jahr kann ganz andere Mineralgehalte haben als der Schnitt von derselben Wiese zur selben Zeit im letzten Jahr.

DIE BOXENHALTUNG

Dazu kommen die sehr unterschiedlichen Mengen an Heu, die Pferde fressen. Bei einer reinen Boxenhaltung kann ich die von einem Pferd gefressene Menge noch recht leicht bestimmen. Dazu muss ich nur die Menge abwiegen, die ich jeweils als Futter anbiete und dann auch die Menge abwiegen, die ich wieder aus der Box entferne. Allerdings muss natürlich darauf geachtet werden, dass feuchtes Heu, das entfernt wird (weil das Pferd beispielsweise darauf uriniert hat), vor dem Wiegen getrocknet wird bis zu einem Restfeuchtegehalt von 10-15%, um das Messergebnis nicht zu verfälschen. Damit komme ich recht genau an den Wert heran, den das Pferd tatsächlich gefressen hat, davon ausgehend, dass es auf einer Einstreu steht, die nicht fressbar ist. Steht es auf Stroh, dann wird es schwierig, da man nicht genau bestimmen kann, welche Mengen an Stroh das Pferd ggf. mitgefressen hat. Außerdem kann man in dem Fall auch nicht genau sagen, wie Verfügbar die (chemisch messbar) im Stroh enthaltenen Mineralien waren, da Stroh sehr stark verholzt und daher die Pflanzenzellen – im Gegensatz zu denen in Heu – von den Pferden im Dickdarm nicht effizient aufgeschlossen werden können. Man müsste also einen Analysewert haben von dem Mineralgehalt, der in Phloem und Xylem, also dem Leitungssystem der Pflanze, für die Pferde recht einfach zugänglich enthalten war und den Anteil herausrechnen, der in den Zellen eingeschlossen ist. Das ist analysetechnisch leider nicht möglich, was eine genaue Bestimmung der Mineralmenge, die das Pferd dann tatsächlich aufgenommen hat, ziemlich schwierig macht.

Drei Pferde schauen über ihre Boxentüren
© Adobe Stock/castenoid

HALTUNG IM OFFENSTALL

Schwierig ist auch die Bestimmung der gefressenen Heumenge im Offenstall. Denn hier kann ich zwar eine bestimmte Menge pro Pferd abwiegen und in die Raufe geben – aber ob das Pferd dann diese Menge tatsächlich gefressen hat oder nicht, das kann man nicht sagen. Denn die Fressgeschwindigkeit bei Pferden ist sehr variabel und dann bis zur vierfachen Geschwindigkeit erhöht werden. Hat man also ein gieriges Pferd in der Gruppe, dann kann davon ausgegangen werden, dass es erheblich mehr von dem Heu verschlungen hat als ihm rechnerisch zusteht und die anderen dann natürlich entsprechend weniger. Dasselbe gilt natürlich auch für die Weide: auch hier fressen die Pferde die Pflanzen nicht gleichmäßig wie ein Rasenmäher ab, sondern sie sind selektive Fresser. Auch wenn ich Proben meiner Weide einschicke und analysieren lasse, heisst das also nicht, dass das Pferd auch die Pflanzen gefressen hat, die in meiner Probe drin waren. Außerdem kann man nicht genau definieren, wie viel Gras ein Pferd in der Weidezeit aufnimmt, da die Mengen ganz erheblich variieren können. Auch hier: das Pferd kann seine Fressgeschwindigkeit um das Vierfache steigern. Und es macht in den Analysedaten nunmal einen großen Unterschied, ob ein Pferd 10kg Weidegras Frischmasse aufgenommen hat oder 40kg. Ohne eine genaue Abmessung der gefressenen Raufuttermenge kann ich nicht genau bestimmen, wie viel von welchem Mineral das Pferd aufgenommen hat, da helfen mir auch die schönsten Analysedaten nicht.

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Also man sieht, dass die Theorie, das Mineralfutter individuell auf den Mineralgehalt des Raufutters anzupassen, in der Praxis einer artgerechten Pferdehaltung leider nicht wirklich funktioniert.

Die gute Nachricht ist die, dass sich das Pferd im Lauf von etwa 50 Millionen Jahren Evolution auf schwankende Mineralangebote aus seinem Raufutter angepasst hat. 

Der Körper des Pferdes verfügt über Speichermöglichkeiten für sämtliche Mineralstoffe. So ist der Knochen ein großer Speicher für Calcium, in der Muskulatur finden wir Phosphor im Überschuss und in der Leber können Zink, Kupfer und Eisen zwischengespeichert werden. Enthält das Futter jetzt ausreichende Mengen eines Mineralstoffs, dann wird dieser aufgenommen und in den Speichern eingelagert. Zieht die Gruppe weiter und der Bewuchs auf der nächsten Fläche enthält nur sehr wenig dieses Mineralstoffs, dann kann er aus den Speichern entnommen werden, sodass der Stoffwechsel reibungslos weiterläuft. Sobald wieder mehr von diesem Mineralstoff im Grundfutter enthalten ist, werden die Speicher wieder aufgefüllt. Dazu kommt der „Sortiermechanismus“ für Mineralstoffe in der Darmwand des Pferde. Mineralstoffe fließen nicht einfach irgendwie vom Darm in das Körperinnere, so etwas wäre fatal. Die Aufnahme ist stattdessen ein hochregulierter Prozess, an dem Mineralrezeptoren und Transportermoleküle in den Darmwandzellen beteiligt sind. Gesteuert wird dieser Prozess vom Nerven- und vom Hormonsystem. 

So liegt beispielsweise Calcium bei Pferden im Grundfutter praktisch immer in gigantischem Überschuss vor im Verhältnis zum Verbrauch und auch im Verhältnis zu Phosphor (welche in Abhängigkeit voneinander reguliert werden). Daher wird gar nicht das komplette Calcium aus dem Nahrungsbrei aufgenommen, sondern ein Großteil verbleibt im Darm und wird mit dem Kot wieder ausgeschieden. Gleichzeitig kann ein aufgenommener uns nicht verbrauchter Überschuss auch wieder ausgeschieden werden. Hier kommt den Nieren eine zentrale Rolle zu, denn sie regulieren über die Ausscheidung von Mineralstoffen unter anderem den Mineralhaushalt. Aus diesem Grund ist der Urin von Pferden in der Regel milchig – das ist überschüssiges Calcium in Form von Calciumcarbonat, das ausgeschieden wird. Beim Fleischfresser wird das nicht passieren, denn bei ihm ist Calcium im Verhältnis zu Phosphor tendenziell im Mangel. Daher wird hier eher Phosphor ausgeschieden und der Urin ist klar. Das Verhältnis von Aufnahmemenge, Einlagerung und Ausscheidung wird im Fall von Calcium und Phosphor unter anderem reguliert über das Parathyroidhormon und das Calcitonin, im Zusammenspiel mit Vitamin D3, das beim Pferd wahlweise in der Haut unter Einfluss von Sonnelicht gebildet wird oder dessen Vorläufer Vitamin D2 aus dem Grundfutter in D3 umgewandelt werden kann, wenn nicht ausreichend Sonnenlicht zur Verfügung steht. Die Details zu diesem sehr gut wissenschaftlich untersuchten Prozess kann man in jedem Physiologie Lehrbuch nachlesen. Diese Regulationsmechanismen bestehen für sämtliche Mineralstoffe. Ihre Aufnahme wird bereits kontrolliert, sie werden in Speichern eingelagert, um in Mangelzeiten zur Verfügung zu stehen und sie sind – abgesehen von Selenocystein – auch problemlos ausscheidbar. Nur bei extremer Überversorgung (z.B. Jod aus Seealgen, wenn diese die einzige Mineralfutterquelle darstellen oder Selen in den Great Plains der USA, wo Selenzeigerpflanzen dieses Spurenelement übermäßig anreichern) oder bei der Verwendung organischer Mineralstoffe, die so in der Natur überwiegend gar nicht vorkommen, werden diese natürlichen Regulationsmechanismen ausgehebelt und es kann zu Überversorgung oder Vergiftungen kommen. Aus guten Gründen hat der Futtermittelgesetzgeber daher auch für viele Mineralstoffe Höchstmengen festgesetzt, die in Futtermitteln nicht überschritten werden dürfen. 

Auch die Fütterung von Mineralstoffen anhand der in den Fütterungsbüchern genannten Bedarfswerte ist weitgehend sinnlos.

Denn zum Einen muss ich von dem Bedarfswert ja schon den Anteil abziehen, der über das Grundfutter aufgenommen wird (mit allen damit einhergehenden Problemen, siehe oben). Zum Anderen wurden Bedarfswerte, die in Büchern abgedruckt sind, in der Regel an Galopprennpferden oder an Sportwarmblütern gewonnen. Das liegt einfach daran, dass ich für eine vernünftige statistische Auswertung eine hohe Anzahl von Pferden benötige, die alle derselben Rasse angehören und möglichst alle derselben Fütterung und demselben Training ausgesetzt sind. Da bieten sich Vollblüter und Sportpferde an. Eine gemischte Offenstallgruppe mit unterschiedlicher Individualfütterung bietet keine ausreichend standardisierte Grundlage, um darauf basierend statistische Auswertungen zu machen. Nun weiss man aber inzwischen aus anderen Studien, dass Voll- und Warmblüter in vielen Details einen ganz anders funktionierenden Stoffwechsel haben als Ponys und Robustpferde. Außerdem kann man gerade bei Voll- und Warmblütern davon ausgehen, dass die Fütterung meist nicht gerade das ist, was man artgerecht nennen würde (meist viel zu wenig Heu in Mahlzeiten mit langen Fresspausen und dazu große Mengen Kraftfutter) und auch das Arbeitspensum und damit der Mineralverbrauch deutlich über dem von Freizeitpferden liegt. In Fachkreisen wird daher seit geraumer Zeit diskutiert, dass die in der Literatur verwendeten Tagesbedarfswerte für die meisten Pferden viel zu hoch angesetzt sind. Wo sie aber genau liegen sollten für meinen ambitioniert gerittenen Isi oder den durchs Gelände bummelnden Tinker oder den hufrehegefährdeten Haflinger, das weiss keiner.

© Adobe Stock / cynoclub

Die Bestimmung solcher Wert ist auch deshalb erschwert, weil der Körper eben über Speichermechanismen verfügt, die Mangelerscheinungen über sehr lange Zeiträume abpuffern. Das heisst übersetzt: Dem Pferd brechen eher die Knochen aufgrund von Demineralisierung, als dass ich im Blutbild einen Calcium-Mangel sehe. Außerdem kann ich die Pferde ja nicht mineralfrei füttern. So enthält Heu und Gras in der Regel so viel Eisen, dass ich gar keinen Eisenmangel provozieren kann (das noch dazu in hohem Maß von der Leber recyclet wird aus dem Hämoglobin), außer wenn ich dem Pferd mehrere Liter Blut abzapfe oder es massiv mit Würmern verseuche. Aber das sind ja nun keine natürlichen Umstände. Und es gibt Mineralstoffe, wo schon seit langem in Fachkreisen bekannt ist, dass der Blutwert keinerlei Korrelation mit den im Gewebe vorliegenden Werten hat, wie bei Selen. Andere Mineralstoffe wie Schwefel können im Blut gar nicht nachgewiesen werden, weil sie ausschließlich in gebundener Form vorkommen. Wir können also für die meisten Mineralstoffe auch mit dem besten Blutbild gar nicht rechtzeitig einen Mangel erkennen, um dann gezielt gegenzufüttern. Lediglich Kupfer und Zink liefern eine gewisse Aussagekraft im Blutbild, aber wenn diese in den Mangel gehen, kann das sowohl eine zu geringe Versorgung als auch ein zu hoher Verbrauch sein, beispielsweise durch gestörte Entgiftungsprozesse. Man sieht also: theoretisch ist die gezielte Mineralversorgung entsprechend dem Bedarf des Pferdes eine gute Idee, in der Praxis biologischer Systeme funktioniert sie aber leider überhaupt nicht.

Pferde fressen Mineralfutter
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Für die Fütterung von Mineralfuttern heißt das also ganz pragmatisch: Es kommt nicht darauf an, wie viel Milligramm exakt von welchem Mineralstoff enthalten sind oder ob das Calcium-Phosphor-Verhältnis jetzt 2:1 oder 4:1 ist. Das sind Details, die der Organismus des Pferdes ganz von allein regulieren kann in Abhängigkeit vom Mineralgehalt, der über das Grundfutter schon aufgenommen wurde. Wichtig ist, dass Mineralfutter regelmäßig und kurweise angeboten wird, damit das Pferd die Möglichkeit hat, seine Mineralspeicher immer dann wieder aufzufüllen, wenn sie leer laufen. Mineralien, deren Speicher noch gut gefüllt sind, verbleiben im Darm und werden mit dem Kot ausgeschieden oder können über den Urin wieder entsorgt werden. Damit kann man Schwankungen im Grundfutter ausgleichen, die man dem Heu und Gras nunmal nicht immer ansieht. So haben wir in sehr vielen Heuproben zu wenig Kupfer, da die Kupferaufnahme der Pflanzen aus dem Boden nicht nur abhängt vom Bewuchs sondern auch vom Gehalt an Molybdän im Boden. Laufen die Kupferspeicher leer, dann müssen sie wieder aufgefüllt werden und das funktioniert über ein Mineralfutter, das neben den anderen Mineralstoffen auch Kupfer enthält. Aus diesem Grund funktioniert das Angebot von Mineralstoffen über Mineralleckschalen (sofern sie nicht auf Bonbonmasse basieren) ebenso gut wie über normale (nicht leckerschmecker zusammengestellte) Mineralfutter. 

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