Laub & Rinden

Laub & Rinden

Wildpferde leben auch heute noch in kargen Landschaften, in denen neben Steppengras viele weitere Pflanzen gedeihen. Dazu gehören verschiedenste Kräuterpflanzen, Büsche, Sukkulenten oder auch Bäume – je nachdem, wo die Pferde leben beziehungsweise durch welche Vegetationsgebiete sie auf ihren ausgedehnten Wanderungen ziehen. Der Verdauungstrakt und der Stoffwechsel der Pferde hat sich also über die Vegetation daran angepasst, ein zwar mageres, aber gleichzeitig sehr abwechslungsreiches Futter zu verwerten. Die verschiedensten Pflanzenteile liefern dabei weit mehr als nur Energie zur Fortbewegung. Neben Mineralstoffen und Vitaminen nehmen die Pferde auch verschiedenste Bausteine für den eigenen Organismus auf und sekundäre Pflanzenstoffe, die steuernd und regulierend in den Stoffwechsel eingreifen. 

© Adobe Stock/joël BEHR

Auch mit der Domestizierung des Pferdes vor etwa 6.000 – 8.000 Jahren hat der Mensch das Pferd zunächst weiter so gefüttert, wie es sich in freier Wildbahn ernährt hat. Vermutlich waren Nomaden die ersten Pferdebesitzer, die Pferde gehalten und genutzt haben wie heute noch die Nomaden in der Mongolei. Selbst in der bäuerlichen Gesellschaft hat sich an der Fütterung nicht viel geändert, denn die Pferden haben im Wesentlichen vom (billigen) Raufutter gelebt, während das wertvolle Getreide auf den Tisch des Menschen kam. Ein Pferd, das den ganzen Tag vor dem Wagen oder dem Pflug eingespannt war, hat immer wieder zwischendurch am Weges- oder Ackerrand geknabbert. Abends wurden sie auf Koppeln oder in die Wälder gelassen, um sich ihr Futter selber zu suchen. Die Fütterung mit dem Unterbewuchs der Wälder oder das gezielte Sammeln und Verfüttern von Laub hat schon zu Zeiten unserer Großväter ganz normal mit zur Pferdefütterung dazu gehört. Darüber wurden vor allem Mineralstoffe ergänzt, bevor synthetische Mineralfutter auf den Markt kamen. 

Laub und Rinden liefern aber mehr als nur Faser und Mineralstoffe. Viele sekundäre Pflanzenstoffe, die man teilweise auch in der Naturheilkunde einsetzt, sind hier enthalten und werden von den Pferden sehr geschätzt. Das kann jeder bestätigen, der schonmal frische Äste auf den Auslauf geworfen hat oder mit seinem Pferd einen „Knabberspaziergang“ im Wald gemacht hat. Sie lassen dann auch schonmal Heu oder sogar Gras stehen, um statt dessen an Büschen oder Bäumen zu knabbern. 

Während sich die meisten Pferdebesitzer im Winter noch viele Gedanken um eine abwechslungsreiche und ausgewogene Ernährung machen, wird das mit Beginn der Weidesaison oft vergessen, weil man davon ausgeht, dass die Pferde sich ja dann ihren Speiseplan prima selber zusammen stellen können. Das könnten sie auch, wenn der Mensch am Ende der Wiese keinen Zaun gezogen hätte… Die meisten Ställe haben zu viele Pferde auf den Flächen, um eine artenreiche Weide zu behalten. Für eine artgerechte Weidehaltung – und zwar nicht nur artgerecht für das Pferd sondern auch für die Weidefläche – müsste man pro Pferd 1-2 ha Weideland zur Verfügung stellen. Das ist in den meisten Regionen vollkommen unrealistisch, hier tummeln sich oft eher 20 Pferde auf 2 ha. Durch zu hohen Pferdebestand auf der Fläche, durch Überweiden (das Abnagen der Pflanzen bis hinab zur Grasnarbe) und den damit einhergehenden Verbiss und Vertritt verschwinden Kräuterpflanzen und Magergräser, statt dessen setzen sich stressresistente Hochleistungsgräser von Jahr zu Jahr mehr durch. Damit wird jede Weide früher oder später zur Monokultur. Viele Heuwiesen sind – trotz der teilweise starken Bewirtschaftung mit Selektionsdruck hin zu Zuchtgräsern – noch artenreicher als manch eine Weide. 

Deshalb sollte man auch und gerade in der Weidesaison darauf achten, die Speiseplan artgerecht zu ergänzen.

Dazu gehört unbedingt die Zufütterung von Heu, auch wenn auf der Wiese üppig das Gras wächst. Gerade junges Weidegras hat einen zu hohen Nährstoffgehalt im Verhältnis zum Faserwert und oft fehlt ein ausreichender Cellulose-Anteil. Haben Pferde die Möglichkeit, dann verlassen sie in regelmäßigen Abständen die Weide und gehen an die Raufen oder Netze, um dort Heu und (wenn angeboten) Stroh zu fressen. Damit stellen sie wieder das für ihre Verdauung so wichtige Nährstoff-Faser-Verhältnis richtig ein. Wer nicht die Möglichkeit hat, sein Pferd darüber hinaus regelmäßig im Wald links und rechts im Unterholz knabbern zu lassen, sollte auf anderen Wegen versuchen, Laub und Rinden zuzufüttern. Im Winter werden oft noch viele Bäume und Büsche zurück geschnitten, sodass man sich hier immer mal bedienen kann für „Knabberspielzeug“ für den Auslauf. Im Sommer geht das nicht, daher empfehlen wir die Zufütterung von Laub und Rinden als Kräutermischung, um diesen Anteil in der Fütterung zu ergänzen. Die Pferde danken es mit gesünderer Verdauung und größerer Zufriedenheit.

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