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„Darmfloraanalysen“ beim Pferd

„Darmfloraanalysen“ beim Pferd
© vprotastchik / AdobeStock

Die Gesundheit beginnt im Darm. Das ist auch bei Pferden nicht anders. Inzwischen gibt es unzählige Studien, die verglichen haben, was sich denn im Dickdarm-Mikrobiom („Darmflora“) des Pferdes ändert, wenn sich die äußeren Umstände ändern, wie Fütterung oder Medikamentengabe, oder aber bei Krankheiten, wie Kolik oder Hufrehe

Immer mehr Labore bieten inzwischen auch sogenannte „Darmfloraanalysen“ an, bei denen die vorliegenden Mikroorganismen bestimmt werden, um eventuelle Dysbalancen in der Darmflora zu erkennen und entsprechend gegenzusteuern. Hier gibt es die unterschiedlichsten Untersuchungsprotokolle. Einige Labore übernehmen einfach die Analysen, die auch für menschliche Darmfloraanalysen verwendet werden. Das Ergebnis passt dann natürlich erwartungsgemäß nie, denn das menschliche Mikrobiom sieht definitiv ganz anders aus als das des Pferdes. Während der Mensch von Natur aus ein „Allesfresser“ ist, sind Pferde auf die Verwertung von Cellulose als Energielieferant optimiert, was eine komplett andere Darmflora erfordert. Andere Labore analysieren ausschließlich die Bakterienarten und ignorieren dabei das komplexe Zusammenspiel der Bakterien mit anderen Mikroorganismen wie Pilzen, Protozoen oder Viren. Auch diese Analysen können dann logischerweise kein umfassendes Bild geben, ob man es mit einer „gesunden“ oder einer „veränderten“ Darmflora zu tun hat.

Die „guten“ und die „schlechten“ Darmbakterien

Selbst wenn man mal davon ausgeht, dass die Bakterien im Wesentlichen die Gesundheit des Dickdarms beim Pferd bestimmen, ist bis heute aber noch immer nicht klar, welche Bakterien denn nun zu den „Guten“ und welche zu den „Schlechten“ gehören. Denn in einem so komplexen System wie dem Dickdarm-Mikrobiom kann man – wie so oft in biologischen Systemen – die Unterscheidung zwischen „gut“ und „schlecht“ gar nicht so einfach treffen. Erst wenn eine Form extrem gehäuft auftritt oder sich Verhältnisse bestimmter Gattungen umdrehen, können daraus eventuell Rückschlüsse auf die Gesundheit des Pferdes gezogen werden. Aber welche Verhältnisse denn nun wirklich „gesund“ sind und ab welchen Verschiebungen man von einer krankhaften Veränderung oder nur einer Anpassung an eine veränderte Fütterung oder Haltung ausgehen muss, das ist bis heute beim Pferd noch gar nicht erforscht.

Milchsäurebakterien gehören zu den „bösen“, Cellulose-verdauende Bakterien zu den „guten“

Bereits gut erforscht ist die Tatsache, dass ein gehäuftes Auftreten von bestimmten Milchsäurebakterien mit Erkrankungen in Zusammenhang gebracht werden kann. Durch das von den Milchsäurebakterien produzierte Laktat fällt der pH-Wert im Dickdarm ab und Kolik oder Hufrehe können die Folge sein. Das muss nicht immer in erkennbaren Symptomen enden, sowohl Kolik als auch Hufrehe können subklinisch verlaufen und zu einem ständigen Unwohlsein des Pferdes führen, ohne dass die Erkrankung sichtbar manifest wird. Daher wird von Seiten der Forscher von der Gabe von Milchsäurebakterien in Form von Probiotika oder Heulage ebenso abgeraten wie von der Fütterung stärkehaltiger Futtermittel, welche die Vermehrung von Milchsäurebakterien im Dickdarm fördern. Ebenso wird das Vorliegen von Milchsäurebakterien im Dickdarm mit einer gestörten Darmflora in Zusammenhang gebracht.

Zu den „guten“ Bakterien zählen die Verwerter von Pflanzenfasern, insbesondere Cellulose, die dem Pferd kurzkettige Fettsäuren liefern, woraus das Pferd seine Energie zieht. Unklar ist jedoch bisher, welche Bakterien und insbesondere auch welche anderen Mikroorganismen im Dickdarm an der Verdauung von Cellulose wie beteiligt sind. So weiß man schon, dass neben Bakterien auch verschiedene Pilze Celluse im Dickdarm des Pferdes verdauen und somit an der Faserverwertung beteiligt sind. Man geht nach bisherigen Hypothesen davon aus, dass es immer ein „Teamworking“ gibt zwischen unterschiedlichen Mikroorganismen und es nicht nur „die eine“ Bakterienart gibt, welche die Fasern in für das Pferd nützliche Energie zerlegt. Aber wie das Zusammenspiel der verschiedenen, an der Faserverdauung beteiligten, Mikroorganismen erfolgt, ist bisher nicht bekannt.

Und selbst unter diesen „guten“ und „schlechten“ Bakterien gibt es keine genaue Vorstellung, wie denn das perfekte Mikrobiom auszusehen hat.

Darüber hinaus sind die Umstände, unter denen sich die Zusammensetzung ändert, ausgesprochen vielfältig. Neben der Fütterung spielen hier auch das Bewegungsmanagement und selbst der Stresslevel eine wichtige Rolle.

Fest steht, dass zwischen den unterschiedlichen Bakterien ein Gleichgewicht besteht. Ist das gestört, dann kann es zu Krankheiten kommen. Was aber „gestört“ bedeutet, muss erst noch erforscht werden.

Hand auf dem Fell eines Pferdes
©Adobe Stock/Sonja

Einflüsse der geographischen Lage, der Haltung und der Fütterung

Vergleicht man Pferde von unterschiedlichen Kontinenten, sieht man, dass diese eine jeweils komplett anders aufgebaute Darmflora haben, je nachdem, was in dieser Gegend gefüttert wird und was die Pferde verdauen müssen. Schaut man sich dann in der jeweiligen Gegend Hauspferd und Wildpferd an, sieht man, dass das Hauspferd mehr stärkeverdauende Bakterien im Darm hat und weniger faserverdauende Bakterien. Ein Hinweis darauf, dass die Fütterung durch den Menschen bereits einen erheblichen Einfluss auf die Mikroorganismen im Dickdarm hat. Ab wann man hier aber von einer „krankhaft gestörten“ Darmflora sprechen muss und bis zu welchem Punkt es einfach eine normale, gesunde Anpassung an die Fütterung ist, wissen wir bisher noch nicht.

Ein weiterer wichtiger Faktor ist die Haltung und das Fütterungsmanagement des Pferdes. So können Fresspausen, wie sie bei der Fütterung von Heu in Mahlzeiten oder über Raufutterautomaten entstehen, zu einer deutlichen Reduktion der faserverdaulichen Bakterien führen. Auch die Bewegung spielt eine große Rolle – nicht nur die ruhige Bewegung in einer Paddock Trail Haltung, sondern auch die Anforderung durch sportliche Leistung. Stoffwechselentgleisungen wie beispielsweise EMS spiegeln sich in der Darmflora wider, aber auch Stressfaktoren beeinflussen die Zusammensetzung des Mikrobioms. Hier stellt sich aber oft die „Henne/Ei“-Frage: Ist das gestörte Mikrobiom die Ursache für das Übergewicht? Oder hat das Übergewicht zu einer Störung des Mikrobioms geführt? Beim Pferd steht die Antwort auf diese Frage noch aus.

Wem das alles noch nicht genug unterschiedliche Faktoren sind, welche einen Einfluss auf das Mikrobiom des Dickdarms haben: dazu findet man noch Unterschiede je nach Rasse, Alter und Geschlecht des Pferdes und natürlich auch in Abhängigkeit von Medikamenten, die das Pferd in der Vergangenheit erhalten hat.

Als Fazit lässt sich sagen, dass es in Einzelfällen bei einem länger andauernden Krankheitsbild wie Durchfall durchaus sinnvoll sein kann, gezielt nach dem Erreger zu suchen, um das Pferd behandeln zu können.

Grundsätzlich gilt jedoch für die von den Laboren angepriesenen Darmfloraanalysen: Solange wir nicht wissen, wie ein gesundes Mikrobiom aussehen soll, können wir auch anhand von Analysen nicht entscheiden, ob eine Darmflora krankhaft verändert oder nur an die Lebensbedingungen des Pferdes angepasst ist.

Für alle Pferde gilt: Heu ist das beste Präbiotikum, denn es enthält einen hohen Anteil an Cellulose, welche die „guten“ Mikroorganismen als lebensnotwendiges Futter benötigen.

Aber auch hier gilt natürlich – wie sollte es anders sein – dass selbst der Fasergehalt und die Gräser- und Kräuterzusammensetzung im Heu Einfluss auf das Mikrobiom des Pferdedarms nehmen.

Wissenschaftlicher Nachweis:

  1. Fazio, F., Gugliandolo, E., Nava
  1. Fernandes KA, Rogers CW, Gee EK, Kittelmann S, Bolwell CF, Bermingham EN, Biggs PJ, Thomas DG. Resilience of Faecal Microbiota in Stabled Thoroughbred Horses Following Abrupt Dietary Transition between Freshly Cut Pasture and Three Forage-Based Diets. Animals (Basel). 2021 Sep 6;11(9):2611. doi: 10.3390/ani11092611. PMID: 34573577; PMCID: PMC8471312.
  2. Juśkiewicz J, Fotschki B, Jaworska J, Siemieniuch M. Investigations of the maintenance system of the Konik Polski horse and its effects on fecal microbiota activity during the winter and summer seasons. Anim Sci J. 2021 Dec;92(1):e13603. doi: 10.1111/asj.13603. PMID: 34318561.
  3. Sanz MG. Science-in-brief: Equine microbiomics makes its way into equine veterinary medicine. Equine Vet J. 2022 Mar;54(2):453-454. doi: 10.1111/evj.13548. PMID: 35133025.
  4. Ang L, Vinderola G, Endo A, Kantanen J, Jingfeng C, Binetti A, Burns P, Qingmiao S, Suying D, Zujiang Y, Rios-Covian D, Mantziari A, Beasley S, Gomez-Gallego C, Gueimonde M, Salminen S. Gut Microbiome Characteristics in feral and domesticated horses from different geographic locations. Commun Biol. 2022 Feb 25;5(1):172. doi: 10.1038/s42003-022-03116-2. PMID: 35217713; PMCID: PMC8881449.
  5. Kaiser-Thom S, Hilty M, Gerber V. Effects of hypersensitivity disorders and environmental factors on the equine intestinal microbiota. Vet Q. 2020 Dec;40(1):97-107. doi: 10.1080/01652176.2020.1745317. PMID: 32189583; PMCID: PMC7170319.
  6. Gilroy R, Leng J, Ravi A, Adriaenssens EM, Oren A, Baker D, La Ragione RM, Proudman C, Pallen MJ. Metagenomic investigation of the equine faecal microbiome reveals extensive taxonomic diversity. PeerJ. 2022 Mar 23;10:e13084. doi: 10.7717/peerj.13084. PMID: 35345588; PMCID: PMC8957277.
  7. Equine Microbiome Update: Study Reviews Research, The Horse, Lesté-Lasserre C
  8. Abrupt Diet Changes’ Effects on the Equine Microbiome, The Horse, Lesté-Lasserre C

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