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Haarmineralanalysen – wirklich wissenschaftlich fundiert?

Haarmineralanalysen – wirklich wissenschaftlich fundiert?
© Samuel / Adobe Stock

Um die Mineralstoffversorgung des Pferdes über einen längeren Zeitraum beurteilen zu können, wäre es schön, wenn man eine einfache, kostengünstige und möglichst nicht-invasive Diagnostik-Methode hätte. So könnte man beispielsweise über in die Haare eingebaute Mineralstoffe die Versorgungslage messen und sich so eine aufwendige Blutentnahme durch den Tierarzt sparen. Zumal das Blut ja auch nur den aktuellen Stand zeigt, aber nicht, wie es die letzten Wochen oder Monaten war. Außerdem werden viele Werte im Blut innerhalb sehr enger Grenzen reguliert, sodass das Blutbild auch nicht unbedingt eine Aussage über die Mineralversorgung der Zellen und Gewebe zulässt.

Mehrere Labore bieten daher inzwischen „Haarmineralanalysen“ an. Aber sind diese wirklich sinnvoll und kann ich mich darauf verlassen?

In der Humanmedizin gibt es nur verlässliche Ergebnisse für Methylquecksilber, Arsen und Blei

Schauen wir zunächst einmal in die Humanmedizin. Dort sind Haarmineralanalysen in puncto Alkohol-, Medikamenten- oder Drogenmissbrauch längst Standard, aber schon bei einem Nachweis von Schwermetallbelastung ist Vorsicht geboten und das Ergebnis sollte noch einmal durch andere Methoden überprüft werden. Nur wenige Schwermetalle können aufgrund ihrer speziellen chemischen Form eindeutig einer übermäßigen Aufnahme zugeordnet werden, z.B. Methylquecksilber aus dem Verzehr von Fischprodukten.futter gewinnen kann.

Oft werden Mineralien und Schwermetalle auch von außen eingelagert

Ein erster kritischer Punkt der Haarmineralanalyse ist bereits die Unterscheidung zwischen den wirklich im Haar eingelagerten Mineralien oder solchen, die durch äußere Faktoren auf das Haar gelangt sind. Mineralien findet man nämlich nicht nur im Futter und damit im Stoffwechsel des Pferdes, sondern auch in diversen Pflegemitteln von Shampoo über Fliegenschutz bis Fellglanzpräparaten. Auch sollten mögliche Rückstände aus Mist, Einstreu oder Schweiß und nicht zuletzt auch durch Umweltverschmutzung – gerade in der Nähe von Industriestädten –nicht außer Acht gelassen werden.

Natürlich wird die Probe, einmal im Labor angekommen, verschiedenen Wasch- und Entfettungsverfahren unterzogen, aber inwieweit die durch äußere Faktoren auf die Haare gelangten Mineralien wieder herausgelöst werden, ist unklar und somit lässt sich auch nicht sagen, ob mein Pferd tatsächlich gut mit z. B. Magnesium versorgt ist oder das gemessene Magnesium lediglich aus meinem Pferdeshampoo stammt. Hier müsste mit Hilfe von Spezialanalytik genau untersucht werden, in welcher Form das Element vorliegt und es über äußere oder innere Faktoren in das Haar gelangt ist. Solche Untersuchungen sind extrem aufwendig und teuer und werden bei Pferdehaarmineralanalysen nicht gemacht.

Referenzwerte müssen erst standardisiert werden

Auch die Referenzwerte sind noch nicht standardisiert. Meistens werden in Laboren Referenzwerte gebildet durch die am häufigsten gemessen Werte in einem bestimmten Bereich, was aber nicht unbedingt die Werte von gesunden, unauffälligen Pferden widerspiegelt.

Fell und Putzzeug vom Pferd
© Adobe Stock/ lichtreflexe

Schaut man in der aktuellen Literatur, gibt es Untersuchungen zum Nachweis von Schwermetall- bzw. Umweltbelastungen über Haare und auch erste Versuche standardisierte Grenzwerte festzulegen. Diese scheitern jedoch immer wieder an der extremen Variabilität, die schon von Natur aus in Haaren zu finden ist.

So schwankt der Mineralgehalt im Pferdehaar schon natürlicherweise zwischen 5 – 35%.

Außerdem verändert er sich mit der Farbe und dem Alter des Haares, mit der Jahreszeit, mit dem Ort am Körper, von dem die Haarprobe benommen wurde, mit der Haarlänge und so weiter. Selbst wenn man beim selben Pferd in der immer wieder gleich Weise Haarproben entnimmt und das Pferd konstant gleichmäßig mit einem Mineralfutter versorgt wird, findet man extreme Schwankungen innerhalb eines Jahres. Wie viel davon einfach den natürlichen Jahreszeiten geschuldet ist und wie viel eventuellen Stoffwechselbelastungen, können wir bisher noch nicht sagen. Es zeigt jedoch, dass die einfache Analyse von Mineralien aus Haaren und der vergleich mit irgendwelchen, aus der Literatur entnommenen Referenzwerten, nicht unbedingt etwas über den tatsächlichen Mineralstatus aussagt.

Als Fazit bleibt hier nur zu sagen, dass noch einiges an Forschung nötig ist, um diese Methode zur Bestimmung des Mineralbedarfs beim Pferd zuverlässig und sinnvoll nutzen zu können. Ob sie jemals dazu herangezogen werden kann, die Mineralstoffversorgung eines Pferdes im Verlauf der letzten Monate darstellen zu können, bleibt abzuwarten.

Für den Nachweis einer toxischen Schwermetallbelastung sollte immer zusätzlich zur Haarmineralanalyse immer noch ein Nachweis im Urin oder Blut herangezogen werden, um äußere Faktoren auszuschließen.

Was – neben den genetischen Untersuchungen anhand von ausgerissenen Pferdehaaren – schon sehr gut funktioniert, ist die Cortisolbestimmung in Haaren und damit auch der Zustand des Stresslevels der Pferde. Diese Messungen werden in der Forschung immer häufiger genutzt, um Rückschlüsse auf das Wohlbefinden der Tiere zu ziehen. Bis diese Methode allerdings als etablierter Standard in der Stalldiagnostik ankommt, wird wohl auch noch einige Zeit ins Land gehen.

Wissenschaftlicher Nachweis:

  1. Fazio, F., Gugliandolo, E., Nava, V., Piccione, G., Giannetto, C., & Licata, P. (2020). Bioaccumulation of mineral elements in different biological substrates of athletic horse from Messina, Italy. Animals, 10(10), 1877.
  2. Giannetto, C., Fazio, F., Nava, V., Arfuso, F., Piccione, G., Coelho, C., … & Licata, P. (2022). Data on multiple regression analysis between boron, nickel, arsenic, antimony, and biological substrates in horses: The role of hematological biomarkers. Journal of Biochemical and Molecular Toxicology, 36(2), e22955.
  3. Kalashnikov, V. V., Zaitsev, A. M., Atroshchenko, M. M., Miroshnikov, S. A., Zavyalov, O. A., Frolov, A. N., & Kurilkina, M. Y. (2021, March). Reference intervals of essential and toxic elements concentrations in mane hair and blood serum of Arabian purebred horses. In IOP Conference Series: Earth and Environmental Science (Vol. 677, No. 5, p. 052084). IOP Publishing.
  4. Madkour, F. A., & Abdelsabour‐Khalaf, M. (2022). Performance scanning electron microscopic investigations and elemental analysis of hair of the different animal species for forensic identification. Microscopy Research and Technique.
  5. Mazzola SM, Colombani C, Pizzamiglio G, Cannas S, Palestrini C, Costa ED, Gazzonis AL, Bionda A, Crepaldi P. Do You Think I Am Living Well? A Four-Season Hair Cortisol Analysis on Leisure Horses in Different Housing and Management Conditions. Animals (Basel). 2021 Jul 20;11(7):2141. doi: 10.3390/ani11072141. PMID: 34359269; PMCID: PMC8300697.
  6. Fabian, D., Baumgartner, M. R., & Koller, M. F. (2016, June). Sinn und Unsinn von Haaranalysen. In Swiss Medical Forum (No. 22, pp. 466-471). EMH Swiss Medical Publishers.

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