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Wie gefährlich ist Herpes (EHV) für mein Pferd?

Braunes Pferd mit Halfter im Portrait
© vprotastchik / Adobe Stock

Der Ausbruch von Equinem Herpes Virus (EHV) auf einem internationalen Turnier in Valencia Anfang März 2021, bei dem mehrere Pferde gestorben sind, hat dazu geführt, dass diese Erkrankung in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt ist. Sensibilisiert durch die uns alle betreffenden Maßnahmen zur Eindämmung von Covid19 fragt man sich als Pferdehalter, wie gefährlich der EHV Ausbruch jetzt auch für das eigene Pferd werden kann und ob wir mit einer Herpes-Pandemie in unseren Pferdeställen rechnen müssen. Der Impfstoff ist praktisch ausverkauft, panisch wird geimpft, was das Zeug hält. Aber wie hoch ist das Risiko, dass mein Pferd an Herpes erkrankt und daran sterben kann? Und wie kann ich mein Pferd am besten schützen?

So dramatisch dieser Fall für die betroffenen Sportpferde ist, die in Valencia teilgenommen haben, so groß ist das Glück für die Pferdegemeinde, dass es schnell richtig erkannt und die Pferde aller Teilnehmer unter Quarantäne gestellt wurden. Sportreiter kennen sich aus mit Quarantäne-Maßnahmen für ihre vierbeinigen Partner und es ist nicht davon auszugehen, dass einer davon sein Pferd heimlich doch aus der Box holt, um einen Waldspazierritt zu unternehmen und dabei andere anzustecken. Glück insofern, dass konsequente Quarantäne die effizienteste Methode ist, Equines Herpes Virus auch schnell wieder einzudämmen, sodass es hoffentlich nicht zu einer Ausbreitung außerhalb des Kreises dieser Sportpferde kommen wird.

EHV gilt beim Pferd nicht als Seuche und fällt damit nicht unter das Seuchenschutzgesetz. Dennoch kann sich ein Infekt seuchenartig ausbreiten, wenn nicht rechtzeitig die richtigen Maßnahmen ergriffen werden. Die Erkrankung ist altbekannt, schon 1933 wurde eine wissenschaftliche Arbeit publiziert zum „Virus Abort Syndrom“ bei Stuten, was nichts anderes ist als eine EHV-1 Erkrankung einer Zuchtstute, die daraufhin das Fohlen im letzten Trimester der Trächtigkeit verliert. Man kennt aus der Familie der Herpesviren beim Pferd inzwischen verschiedene Subtypen. Zu den Alphaherpesviren gehören EHV-1, EHV-3, EHV-4, EHV-6 und EHV-8, zur Familie der Gammaherpesviren gehören EHV-2, EHV-5 und EHV-7. Nur fünf dieser neun Virentypen (nämlich 1, 2, 3, 4 und 5) sorgen beim Pferd auch für eine Erkrankung, wobei 1 und 4 mit Abstand am häufigsten auftreten. EVH-6 bis -8 betreffen ausschließlich Esel und werden deshalb in der Literatur teilweise auch als Asinine Herpesviren (AHV-1 bis -3) bezeichnet. EHV-9 betrifft nach bisherigem Kenntnisstand ausschließlich Thomson’s Gazellen, daher auch als GHV oder Gazelle HerpesVirus bezeichnet.

Zu EHV-1 und -4, die sehr nah miteinander verwandt und deutlich die häufigste Ursache für klinische EHV Erkrankungen beim Pferd sind, liegen viele Untersuchungen vor. So infizieren sich Pferde offenbar in aller Regel schon sehr früh mit dem Virus, ohne daran (tödlich) zu erkranken. Etwa 80-90% der untersuchten Pferde weisen im Alter von 2 Jahren schon Antikörper gegen diese Viren auf. Offenbar infizieren sich in den meisten Fällen die Fohlen schon in den ersten Lebenswochen bei ihren latent infizierten, wenn auch nicht klinisch kranken, Müttern. Diese Übertragung findet statt, unabhängig davon, ob die Mutterstute gegen Herpes geimpft wurde oder nicht. Man geht davon aus, dass Trächtigkeit und Geburt bei den Stuten dafür sorgen, dass das Immunsystem geschwächt ist und damit eine latente Virusinfektion leicht aktiviert wird, sodass die Ausscheidung an Viren hoch genug ist, dass das Fohlen einen milden Infekt durchläuft. Maternale Antikörper unterstützen das Fohlen dabei, dass diese Infekte meist relativ unbemerkt verlaufen

Diese Zahlen sprechen dafür, dass extrem viele Pferde Träger von Herpesviren sind und diese auch in kleinen Mengen immer wieder ausscheiden. Die meisten haben sich vermutlich schon als Fohlen geringfügig infiziert, eine Abwehrreaktion aufgebaut und sind dadurch stets mögliche Ausscheider für Viren, sobald ihr Immunsystem seinen Aufgaben nicht ausreichend nachkommen kann. Denn das Herpes-Virus hat – wie auch die Erreger von Borreliose und einigen anderen Erkrankungen – die Fähigkeit, latent im Pferd zu verbleiben, ohne dass das Tier klinisch krank ist. Bei diesen „Virusträgern“ verbleiben also aktive Viren im Körper, werden aber vom Immunsystem die meiste Zeit in Schach gehalten, vergleichbar mit dem Herpes zoster („Lippenbläschen“) beim Menschen. Nur wenn das Immunsystem geschwächt ist, kann das Virus sich ungehemmt vermehren und sorgt für sichtbare Krankheit – so entstehen bei uns die Lippenbläschen meist auch dann, wenn unser Immunsystem schwächelt. Die Re-Aktivierung von latenten Herpesviren bei vorher klinisch gesunden, aber latent infizierten Pferden, ist bereits recht gut untersucht und als mögliche Auslöser beschrieben wurden Transport, Stallwechsel, das Absetzen von der Mutterstute sowie die Gabe von Corticosteroiden. Auch die Gabe von Immunsuppressiva kann bei den meisten Pferden einen Herpes-Ausbruch provozieren, nur kommen diese in der Praxis kaum zum Einsatz.

Pferd wird geimpft
© Anita Zander / Adobe Stock

EHV ist grundsätzlich hochgradig ansteckend. Die Ansteckung erfolgt üblicherweise über Tröpfcheninfektion via kontaminierte Materialien oder über Aerosole, also Übertragung durch die Atemluft. Daher ist es essentiell, dass erkrankte Pferde sofort isoliert werden von allen anderen Tieren und auch Gegenstände wie Mistgabeln, Decken, Halfter etc. nicht zwischen dem erkrankten und den anderen Pferden ausgetauscht werden können. Hier wurde im Fall des Ausbruchs in Valencia von den Verantwortlichen sofort und richtig reagiert: Vermutlich hat der Transport- und/oder Turnierstress bei einem Pferd zum Ausbruch der latent im Körper schlummernden Herpes-Viren geführt, die ja fast alle Pferde in sich tragen. Das wurde sehr schnell richtig erkannt und alle Pferde, die noch vor Ort waren, durften nicht abreisen und wurden umgehend unter Quarantäne gestellt. Diejenigen Pferde, die schon abgereist waren, mussten in ihrem Heimatstall unter sofortige Quarantäne, um eine weitere Verbreitung zu verhindern. Diese Maßnahmen sollten dafür sorgen, dass von diesem Ausbruch keine Gefahr für den Rest der europäischen Pferdepopulation ausgeht. Hat man also sein Pony hinter dem Haus stehen oder ist Einsteller in einem ordentlich geführten Pensionsstall, kann man erstmal aufatmen. Das Risiko, dass die Viren auf magische Art und Weise von Valencia zu uns in den Pferdestall fliegen, ist praktisch gleich Null. 

Dennoch ist Herpes eine Erkrankung, die man beim Pferd nicht auf die leichte Schultern nehmen sollte. Das Symptombild, das von Herpesviren verursacht werden kann, ist breit. Dazu gehören am häufigsten akute Infekte der Atemwege (Fieber, Husten) und der bei Züchtern gefürchtete Virusabort (Spät-Abort, Fohlen werden tot geboren oder sterben kurz danach). Seltener findet man Myeloencephalopathie (neurologische Symptome von Ataxie bis Lähmung), Augenerkrankungen (Linsentrübung bis Erblindung) oder Schlaganfall-Symptome. 

Jedes Jahr erkranken vereinzelt Pferde in unseren Ställen an klinisch manifestem Herpes, es gibt lokale, seuchenartige Ausbrüche und auch Todesfälle. Sie werden in der Regel durch ordentliche Hygienemaßnahmen, die von den behandelnden Tierärzten angeordnet werden, schnell wieder unter Kontrolle gebracht. Da es sich meist um Freizeitpferde handelt, schaffen diese Ausbrüche es in der Regel aber nicht in die Schlagzeilen der großen Tageszeitungen und verlaufen daher mehr oder weniger von der Pferdewelt unbemerkt. Dennoch wird bei jedem größeren Ausbruch an Herpes der Ruf nach einer flächendeckenden Impfung der Pferde laut.

Die Impfung gegen EHV gehört zu den am meisten umstrittenen Impfungen bei Pferden. Denn verschiedene Studien haben gezeigt, dass die Impfung weder zuverlässig vor Erkrankung noch vor Virusabort oder vor der Ansteckung anderer Pferde schützt.

Verschiedene Studien legen nahe, dass das Risiko für einen schweren Verlauf reduziert wird bei geimpften im Vergleich zu nicht-geimpften Pferden, jedoch kommen die zugelassenen Impfstoffe bei Weitem nicht an den Schutz des Individuums heran, den man von einer Impfung eigentlich erwarten sollte.

Selbst einige Züchter nehmen mittlerweile Abstand von Herpes-Impfungen bei ihren Stuten, da sie häufiger mit Komplikationen in Folge der Impfung zu kämpfen haben als mit Virusabort. Warum das so ist, wird in der Fachwelt kontrovers diskutiert, es bleibt jedoch das Problem, dass die Impfung das Pferd nicht davor schützt, an Herpes zu erkranken oder zu sterben. 

Die wichtigste Maßnahme gegen einen Infekt mit Herpes beim Pferd bleiben daher Hygienemaßnahmen. Pferde mit Verdacht auf Herpes-Infekt müssen sofort von allen anderen Pferden des Hofes isoliert werden und der gesamte Hof muss unter Quarantäne gestellt werden.

Da die Übertragung in den allermeisten Fällen direkt von Pferd zu Pferd erfolgt über Aerosole oder Schleimabsonderungen auf Gerätschaften (Mistforken, Putzzeug, Halfter, Kleidung der Reiter:innen und des Stallpersonals…) kann eine Quarantäne des gesamten Stalls am schnellsten und effektivsten die Infektionskette unterbrechen. 

Leider leuchtet diese Maßnahme den meisten Pferdebesitzer:innen nicht ein, deren Pferd (noch) nicht betroffen ist. Sie nehmen ihr vermeintlich gesundes Pferd und gehen damit ausreiten. Treffen sie im Wald andere Pferde – und sei es nur zufällig und man reitet aneinander vorbei oder ein Stück des Weges gemeinsam – dann können Aerosole der Atemluft des eigenen Pferdes die anderen infizieren und schon taucht die Krankheit im nächsten Stall auf und verbreitet sich dort. Die Unvernunft Einzelner ist immer die Ursache für eine seuchenartige Ausbreitung von Herpeserkrankungen in einer Region. Die Zeche dafür zahlen die Pferde, oft genug mit dem Leben. Nur weil ein Pferd nicht klinisch krank ist, heißt das nicht, dass es kein Virusausscheider ist! 

Deshalb gilt die Quarantäne grundsätzlich und für alle Pferde und Reiter im Stall – unabhängig davon, ob das eigene Pferd Symptome zeigt oder gesund erscheint. Hier muss sich jeder Besitzer vor Augen halten, dass es kein Kavaliersdelikt ist, sich hintenrum über die Weiden mit seinem Pferd aus dem Stall zu schleichen und Reiten zu gehen. Jeder, der das tut, gefährdet damit wissentlich das Leben anderer Pferde.

Ausnahmslos kein Pferd darf den Stall verlassen (außer wenn es krankheitsbedingt in die Klinik gebracht werden muss) und Menschen sollten ausschließlich für die lebensnotwendige Versorgung der Pferde in den Stall, also im Wesentlichen das Stallpersonal, das sich um Misten und Füttern kümmert und die Boxenpferde, die nicht unter Isolation stehen, auf den Bewegungspaddock lässt. Reiten und Training gehört nicht zur lebenswichtigen Versorgung! Wichtige Medikamentengaben können vom Stallpersonal übernommen werden, Besuche von Hufschmied, Zahnarzt, Sattler und Anderen können und müssen verschoben werden, bis der Stall vom Tierarzt wieder freigegeben ist. Nur so lassen sich effektiv die immer mal wieder vorkommenden Herpes-Ausbrüche eindämmen und ein epidemisches Verbreiten verhindern. 

Quellen:

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https://doi.org/10.3389/fmicb.2019.02668

https://doi.org/10.1016/j.jevs.2020.102923

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