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Werden Pferde durch Heu ad libitum (24/7) Fütterung fett?

Uns erreichen immer wieder Nachrichten oder Kommentare mit folgenden oder ähnlichen Inhalten:

  • „Warum wird die 24/7 Heufütterung ad libitum propagiert?“
  • „Ein Arbeitspferd welches 12 Stunden unter dem Sattel lief konnte höchstens mal bei kurzen Pausen fressen und nicht 24 Stunden lang wie ein Wildpferd.“
  • „Wir hatten das und die Pferde wurden fett ohne Ende.“
  • „Das mag bei 10% der Pferde funktionieren, wie alten und kranken. Ansonsten ist es mästen und die Pferde krank füttern.“

Portionieren oder doch lieber 24/7 Heu anbieten? Diese Frage scheint viele Pferdehalter/innen zu verunsichern. Kann das wirklich funktionieren wenn Pferde 24/7 Heu zur Verfügung haben?

Die Antwort lautet: JA!

Für einen gesunden Pferdeorganismus ist es wichtig, dass immer Heu zur Verfügung steht, denn physiologisch ist die Studienlage eindeutig: Pferde sind „trickle feeders“, gehören also zu den Tierarten, die sich nicht in Mahlzeiten ernähren, sondern mehr oder weniger ständig kleine Mengen von ihrem mageren Futter zu sich nehmen.

Der ganze Organismus ist auf diese Form der Ernährung ausgelegt. Studien zeigen, dass ein anderes Raufuttermanagement, wo der Zugang zum Futter restriktiv gehandhabt wird, zu psychischem Stress führt bis hin zu Magengeschwüren.

Nun haben wir natürlich das Problem, dass unser Heu nur selten dem entspricht, was Pferde in der Steppe fressen. Wenn Pferde bei ständigem Heuzugang an Gewicht zulegen, dann sollte zuerst der Zucker- und Eiweißgehalt im Heu überprüft werden. Ist das Heu zu zuckerhaltig, dann verführt das insbesondere zuckersüchtige Pferde (ein vom Menschen durch Zufütterung von Müsli & Co geschaffenes Problem) dazu, deutlich zu viel zu fressen. Auch ein zu hoher Eiweißgehalt sorgt für Gewichtszunahme.

Der Zuckergehalt sollte <10% sein, bei leichtfuttrigen Pferden ist ein Zuckergehalt <6% wünschenswert. Der Eiweißgehalt sollte zwischen 6-9% liegen. Darüber hinaus sollte das Heu in engmaschigen Heunetzen angeboten werden, die dafür sorgen, das die Fressgeschwindigkeit verlangsamt wird.

Den Zuckergehalt im Heu könnt ihr übrigens einfach selbst bestimmen. Hier findet ihr eine Anleitung dazu.

Hat man ein eher nährstoffreiches Heu für sehr leichtfuttrige Pferde, dann sollte das Heu mit Stroh gemischt werden. Durch den „Sortierprozess“ verlangsamt sich nochmals die Raufutteraufnahme. Mehrere Heu-Fressplätze motivieren die Pferde außerdem dazu, sich auch mal von der Raufe wegzubewegen und an einem anderen Heunetz knabbern zu gehen.

Insbesondere die Anlage als Paddock Trail hat sich hier bewährt, wobei das Heu dann möglichst weit weg vom Wasser positioniert werden sollte. Mehr Infos dazu findet man auch auf www.offenstallkonzepte.com. 

Nehmen die Pferde trotz dieser Maßnahmen an Gewicht zu bei permanentem Raufutterangebot, oder gehen nie vom Futter weg, um mal eine Fresspause einzulegen, dann haben wir es mit stoffwechselkranken Pferden zu tun.

Erfahrungsgemäß ist dann der Stoffwechsel durch das Fütterungsmanagement der Vergangenheit schon so aus der Balance geraten, dass man hier therapeutisch tätig werden sollte. In der Regel leiden die Pferde entweder unter Insulinresistenz (die übrigens auch durch permanenten Stress ausgelöst werden kann, den man verursacht, wenn man den Pferden Raufutterpausen aufzwingt) oder unter einer gestörten Entgiftung, die ihre Ursache in Dickdarm-Dysbiosen hat, die ebenfalls mit einem nicht artgerechten Raufuttermanagement in Zusammenhang stehen.

Aber was ist mit der Aussage: „Ein Arbeitspferd welches 12 Stunden unter dem Sattel lief konnte höchstens mal bei kurzen Pausen fressen und nicht 24 Stunden lang wie ein Wildpferd.“?

Die Arbeitspferde, auf die sich hier bezogen wird, haben zwar 12 Stunden täglich gearbeitet, aber nicht ohne Pausen. In den Pausen wurden Heusäcke umgehängt, sodass die Pferde fressen konnten. Durch die schwere körperliche Arbeit hat außerdem der Stoffwechsel deutlich besser ein nicht optimales Fütterungsmanagement kompensieren können als mit den „so da“ Pferden, die in unseren Offenställen herumstehen.

Die Tatsache, dass Pferde ständiges Angebot von Raufutter benötigen, ist nicht überholt, ganz im Gegenteil. Nachdem Jahrelang die Fütterung in Mahlzeiten propagiert wurde beispielsweise auch von der FN, weisen die wissenschaftlichen Untersuchungen, die in den letzten Jahren veröffentlicht worden sind, in genau die gegenteilige Richtung.

Seit einigen Jahren beginnt man intensiv, sich mit der Erfoschung von Stressverhalten sowie auch des Dickdarm-Mikrobioms zu beschäftigen und entsprechend weisen alle Ergebnisse in die Richtung, die wir auch propagieren: Pferde sind von Natur aus Dauerfresser.

Wir müssen nur dafür sorgen, dass sie diesem Bedürfnis auch nachgehen können, durch die Auswahl des richtigen Raufutters und kluges Fütterungsmanagement.

Wenn die Pferde einen dicken Bauch ausbilden, dann hat das oft mit einem übermäßig gefüllten Dickdarm in Kombination mit einer unzureichend trainierten Bauchmuskulatur zu tun. Man sieht diese „Heubäuche“ sehr oft, wenn von rationierter Heufütterung auf Heu ad libitum umgestellt wird.

Da die Pferde gelernt haben, dass das Heu schnell alle ist und sie dann Kohldampf schieben, bis der Mensch sich irgendwann bequemt, die Raufe mal wieder zu füllen, stürzen sie sich entsprechend gierig darauf. Denn sie haben ja gelernt, dass sie schnell fressen müssen, um überhaupt genug abzubekommen, ansonsten fressen ihnen die anderen Pferde der Gruppe ja ihren Anteil weg.

Das Verhalten haben sie auch am Anfang, wenn man Heu satt anbietet, weil ein derart konditioniertes Verhalten erst „umgelernt“ werden muss. Sie stopfen sich also anfangs zu viel Heu rein und durch die vorherige Fütterung in Rationen mit Pausen ist die Peristaltik gestört, denn diese wird maßgeblich von der Faserfraktion im Dickdarm gesteuert. Verstärkt wird diese träge Peristaltik, wenn man getreidefreie Müslis gibt, in denen Strukturhäcksel enthalten sind.

Deshalb empfehlen wir, eine solche Fütterungsumstellung mit darmsanierenden Maßnahmen wie der Gabe von Bitterkräutern zu begleiten, welche die Peristaltik anregen, sodass die Darmbewegungen sich wieder normal eintakten. Auch Blähungen durch Gasbildung von Fehlkeimen im Dickdarm kann zu einem „dicken Ranzen“ führen, diese Pferde „pupsen“ sehr viel zum Beginn des Trainings, da körperliche Bewegung die Peristaltik anregt und die Gase nach hinten treibt, wo sie dann abgelassen werden.

Solche Gasbildner können sich vor allem dann vermehren im Dickdarm, wenn das natürliche Mikrobiom durch falsche Futtermittel oder falsches Fütterungsmanagement gestört ist. Der dicke Kullerbauch muss klar unterschieden werden von Lympheinlagerungen, die vor allem im Halskamm und an den Flanken zu finden sind und Fetteinlagerungen, die man in der Rückenmuskulatur und – im Endstadium – oben auf dem Halskamm bzw. oberhalb der Schweifrübe als distinkte Polster unter der Haut finden kann.

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2 Comments

  1. Super Beitrag! Darf ich fragen wo die Anleitung zur einfachen Messung des Zuckergehaltes im Heu ist? Ich hab den Link nicht gesehen. Merciiiii 🙂

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