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Wie wirkt Prascend?

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Und was genau macht es eigentlich im Pferd?

Es gibt wohl kaum ein Medikament, das derzeit so umstritten ist in der Pferdetherapie wie Prascend. Für die einen ist es das Wundermittel schlechthin, das man jedem Pferd mit Stoffwechselproblemen geben sollte, weil damit auf magische Weise alle Sorgen wie Hufrehe & Co verschwinden.

Auf der anderen Seite gibt es ebenso viele Pferdehalter und Therapeuten, die es verteufeln, da schon mehr als ein Pferd mit schweren Nebenwirkungen zu kämpfen hatte oder die Symptome einfach auch überhaupt nicht auf die Gabe des teuren Medikaments angesprochen haben.

Daher ist es dringend Zeit, mal einen genaueren Blick darauf zu werfen, mit was wir es hier eigentlich zu tun haben.

Der Name Prascend ist der Markenname, unter dem das Medikament vom Hersteller, der Firma Boehringer Ingelheim Vetmedica GmbH, vertrieben wird. Es basiert auf dem Wirkstoff (bzw. früheren Medikamentennamen) Pergolid, das ursprünglich in der Therapie der Parkinson-Erkrankung beim Menschen eingesetzt wurde.

Bei Pergolid handelt es sich um einen Arzneistoff, der aus den Alkaloiden des Mutterkornpilzes gewonnen wird. Der Mutterkornpilz (Claviceps spp.) ist ein Getreidepilz, der insbesondere gerne auf Roggen parasitiert, aber auch andere Süßgräser befallen kann.

Sein Name leitet sich von der Wirkung seiner Inhaltsstoffe auf die Gebärmutter ab, die (in geringer Dosis eingenommen) Wehen bzw. Aborte auslösen können.

Ergotismus, also die Vergiftung mit Mutterkornpilzen mit infiziertem Getreide, ist seit dem Mittelalter in unseren Breitengraden belegt. Bei einer Vergiftung kommt es zu einer massiven Verengung der Blutgefäße und folglich zu Durchblutungsstörungen von Herz, Nieren und Gliedmaßen, was zum Absterben von Gliedmaßen, Nierenversagen bis zu Herzstillstand führen kann. Den letzten großen nachweislichen Vergiftungsfall mit Mutterkornpilzen gab es in den Jahren 1926/27, wobei rund 11.000 Menschen ums Leben kamen. 

Pergolid (1), nach chemischer Nomenklatur auch 8ß-(Methyltiomethyl)-6-propylergolin genannt, wirkt im Körper als Dopamin-Agonist, es kann also den Dopamin-Rezeptoren vorgaukeln, dass es Dopamin wäre und diese damit aktivieren (2). Es gehört allerdings zu den so genannten „Dirty Drugs“, das bedeutet, dass es nicht nur spezifisch an Dopamin-Rezeptoren bindet, sondern auch an andere Rezeptoren. Solche „Dirty Drugs“ sind berühmt-berüchtig unter Pharmakologen, da sich die Wirkung aufgrund der mangelnden Spezifität nur schwer untersuchen und kontrollieren lässt.

So kann man hervorragende Wirkungen aber auch fatale Nebenwirkungen erhalten, je nach Prädisposition des Patienten.

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Das hat auch bei Pergolid dazu geführt, dass es seit 2007 nach und nach in den Ländern vom Markt genommen werden musste, denn die Nebenwirkungen beim Menschen reichen von Dyskinesien (Störungen des Bewegungsablaufs) über Halluzinationen bis hin zu fibrotischen Schädigungen der Herzklappen (3,4,5).

In Europa wurde Pergolid, welches unter verschiedenen Handelsnamen in den einzelnen Ländern verkauft wurde, letztlich 2011 endgültig vom Markt genommen.

Dopamin ist ein Neurotransmitter, also ein Botenstoff, der Signale zwischen den Nervenzellen weiter gibt. Es ist vor allem deshalb bekannt, da es in bestimmten neuronalen Schaltkreisen zu einer „Selbstbelohnung“ des Systems führt, weshalb es auch als „Glückshormon“ bezeichnet wird und vermutlich der Motor für den inneren Antrieb ist.

Menschen mit Parkinson leiden in bestimmten Hirnarealen unter Dopamin-Mangel, was sich bei ihnen äußert in Muskelstarre (Rigor), Muskelzittern (Tremor), im Fortschreiten dann einer Verlangsamung der Bewegungen bis hin zur kompletten Erstarrung (Akinese). Gelingt es, die Dopamin-Rezeptoren zu stimulieren, kann man das Fortschreiten der Krankheit verlangsamen.

Dopamin hat jedoch auch andere Wirkungen im Körper, vor allem im vegetativen Nervensystem, welches u.a. alle inneren Organe steuert. Es steuert damit die Durchblutung der wichtigsten Körperorgane und wirkt massiv durchblutungsfördernd auf die Nieren, sodass diese besser funktionieren. Auch in den Hormonhaushalt greift Dopamin ein und hemmt beispielsweise die Ausschüttung von Prolaktin aus der Hypophyse. Dopamin wird vom Körper aus der Aminosäure Tyrosin hergestellt, die beim Pferd zu den nicht-essentiellen Aminosäuren gehört, also denen, die der Organismus selber herstellen kann und nicht mit der Nahrung aufnehmen muss. 

In den 1980er Jahren wurden erste Untersuchungen zur „Cushing’s Disease“ beim Pferd im Zusammenhang mit Dopamin bzw. Dopamin-Agonisten durchgeführt (6). Darauf wurden in den 1990er Jahren die ersten experimentellen Versuche gemacht, Pferden mit Cushing-Symptomen Pergolid zu geben (7).

Zur selben Zeit erschienen auch Studien, die darauf hinwiesen, dass Cushing in der Regel zusammen mit Insulinresistenz auftrat und hier ein Zusammenhang vermutet wurde bzw. die Therapie der Cushing-Symptome über die Therapie der Insulinresistenz empfohlen wurde (8). Ein Ansatz, der leider nicht von der Veterinärmedizin weiter verfolgt wurde, obwohl die meisten mit „Cushing“ diagnostizierten Pferde auch eine Insulinresistenz aufweisen und häufig auf eine Therapie derselben mit einer deutlichen Besserung der Cushing-Symptome ansprechen.

Auch Zusammenhänge zwischen Cushing Symptomen und Störungen der Schilddrüse wurden bereits in den frühen 2000er Jahren beschrieben (9), aber auch dieser Ansatz wurde nicht weiter verfolgt, obwohl es im Zuge eines nachhaltigen Verständnisses der Erkrankung sinnvoll wäre, diese Zusammenhänge genauer zu beleuchten. 

Bis in die frühen 2000er Jahre hinein findet man nur wenige Veröffentlichungen über eine mögliche Behandlung von Pferden mit Cushing-Symptomen mit Hilfe von Pergolid, wobei in den Fallbeschreibungen, die in dieser Zeit veröffentlicht wurden, immer wieder gezeigt wurde, dass unter Pergolid der ACTH Spiegel gesenkt werden konnte.

Mönchspfeffer © spline_x / Adobe Stock

(10) Zur selben Zeit gab es auch erste Studien zur Wirkung von Mönchspfeffer bei Pferden mit Cushing Symptomen, die zeigen konnten, dass die Gabe von Mönchspfeffer keinen Einfluss auf den ACTH Spiegel hat (11,12), auch wenn dieser sich nach wie vor gerade bei alternativ arbeitenden Therapeuten großer Beliebtheit erfreut bei dem Versuch, Pferde mit Cushing-Symptomen zu behandeln. 

Nach 2007 beobachtet man eine Zunahme an Studien, welche Pergolid im Zusammenhang mit Cushing beim Pferd untersuchen. 2011 wurde Pergolid in Europa endgültig vom Markt genommen aufgrund seiner Nebenwirkungen. Statt dessen bekam der Hersteller Boehringer Ingelheim 2010 die Zulassung für denselben Wirkstoff (Pergolidmesylat) unter dem Handelsnamen Prascend(R) als Veterinärarzneimittel für die Behandlung des Equinen Cushing Syndroms.

Bis dato musste Pergolid von den Tierärzten in der Praxis umgewidmet wurde für den Einsatz beim Pferd. Kurz nach der Markteinführung von Prascend begann Boehringer Ingelheim nicht nur mit der gezielten Schulung der Tierärzte zum Equinen Cushing Syndrom und der Alltagsdiagnostik über den ACTH Wert, sondern auch damit, einen kostenlosen ACTH Test für Pferdehalter anzubieten.

Das hat die Anzahl der Diagnosen auf „Cushing“ massiv befeuert, da auch Pferde ohne jegliche Symptome seitdem per ACTH Test auf Cushing diagnostiziert und in Folge mit Prascend „behandelt“ werden.

Diese Diagnostik entbehrt jeder Grundlage, da auch ein gesundes Pferd erhöhte ACTH Spiegel zeigen kann, sowohl circadian als auch im Verlauf der Jahreszeiten als auch unter Stress. Von einem erhöhten ACTH Spiegel auf das Vorliegen eines Hypophysen-Adenoms zu schließen ist wissenschaftlich schlicht falsch.

Ein Hypophysenadenom führt zu einem dauerhaft erhöhten ACTH Spiegel, aber ein erhöhter ACTH Spiegel sagt nichts über das Vorliegen eines Hypophysen-Adenoms aus. 

Allerdings hat sich der kostenlose „Cushing-Test“ des Herstellers von Prascend als beste Marketing-Maßnahme erwiesen, da seitdem die Verkäufe in die Höhe geschnellt sind für eine Erkrankung, die bis dahin berechtigterweise ein Nischendasein in der Veterinärmedizin geführt hat.

Wie man dem Finanzbericht von Boehringer Ingelheim 2019 entnehmen kann, machten Tierarzneimittel 2019 rund 21% des Umsatzes aus, was über 4 Mrd Euro entspricht. Noch 2013 lag der Bereich Tierarzneimittel bei nur 1,07 Mrd. Euro. Dabei stellt Prascend neben GastroGuard (zur Behandlung von Magengeschwüren) das Flaggschiff unter den Pferde-Arzneimitteln dar. Allein im Bereich „Pferdearzneimittel“ betrug das Wachstum von 2018 auf 2019 rund 5,7%, nicht zuletzt getrieben durch Prascend, GastroGuard und VentiPlus. (13)

Schon kurz nach seiner Einführung begann Prascend, die Spitzenposition einzunehmen bei den Medikamenten, die mit Unerwünschten Nebenwirkungen gemeldet werden (14). Hier wurden Inappetenz (mangelnder Appetit / schlechtes Fressverhalten), Diarrhoe (Durchfall), Koliken, Apathie und zentralnervöse Störungen genannt. Alles Symptome, die einem auch in der Praxis immer wieder begegnen bei Pferden, denen Prascend vorschnell verschrieben wurde.

Eine der gängigen Fehlannahmen bei der Behandlung von Pferden mit Cushing-Symptomen oder einer Diagnose per ACTH Test mit Prascend ist der Glaube, dass durch das Medikament der Tumor „therapiert“ wird und daher die Symptome verschwinden. Das ist falsch.

In Untersuchungen mittels MRI und späterer Nekropsie an Pferden konnte gezeigt werden, dass das Hypophysenadenom trotz der Gabe von Prascend weiter an Größe zunimmt (15).

Der Rückgang von klinischen Symptomen, die mit Cushing assoziiert sind wie auch das Sinken das ACTH Spiegels hat also nichts damit zu tun, dass der Tumor zurück geht oder verschwindet, sondern mit Wirkweisen des Prascends, die bis heute nicht wissenschaftlich untersucht sind.

Da der Tumor weiter wächst, ist auch davon auszugehen, dass Pferde, die bereits seit vielen Jahren Prascend erhalten und damit symptomatisch stabil sind, gar kein Hypophysenadenom vorliegen kann, da es durch die raumgreifenden Veränderungen in der Schädelkapsel längst zu neurologischen Ausfällen hätte kommen müssen.

Obwohl Prascend mittlerweile großflächig eingesetzt wird bei der Behandlung von Pferden mit oder ohne Cushing Symptome, mit oder ohne erhöhte ACTH Spiegel und mit oder ohne Hufrehe, gibt es kaum belastbare klinische Studien zu dem Thema.

Wertet man die aktuelle Studienlage aus, dann zeigt sich, dass teilweise nur 40% der mit Prascend behandelten Pferde eine Verbesserung der klinischen Symptome aufweisen, die zu der Diagnose geführt haben. Eine Senkung des ACTH Spiegels findet man bei 44 – 74% der Pferde, die mit Prascend behandelt wurden (16). Darüber hinaus gibt es fast keine Studien zu den tatsächlichen Wirkmechanismen von Prascend im Pferd.

Neben der gut beschriebenen dopaminergen Wirkung ist zu erwarten, dass auch andere Rezeptoren angesprochen werden, da Prascend zu den „Dirty Drugs“ gehört (17). Allerdings ist dieser Fakt beim Pferd bisher genau so wenig untersucht wie die Nebenwirkungen. Zu diesen gehört, dass der Wirkstoff beim Menschen fibrotische Schädigungen der Herzklappen verursachen kann, was der Grund dafür war, weshalb Pergolid ursprünglich vom Markt genommen werden musste. Hierzu liegen bis heute beim Pferd keine Studien vor. 

Da davon auszugehen ist, dass sehr viele Pferde fehldiagnostiziert werden mit „Cushing“, ohne ein Hypophysenadenom zu haben (da üblicherweise kein CT/MRI angefertigt wird, sondern lediglich das Symptombild oder die ACTH Werte herangezogen werden) und gleichfalls bei sehr vielen Pferden keine Besserung der Symptome zu beobachten ist sowie Nebenwirkungen in den meisten Fällen heruntergespielt werden, wäre es wünschenswert, die Wirkungen und Nebenwirkungen von Prascend beim Pferd zuerst genauer zu untersuchen, statt dieses Medikament wie Bonbons zu verteilen.

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Für den Hersteller und den verschreibenden Tierarzt stellt es natürlich eine hervorragende Einnahmequelle dar, da das Medikament – wenn man einmal damit angefangen hat – ein Leben lang weiter gegeben werden muss. Setzt man es ab, kann es zu einem „Rebound-Effekt“ kommen und der ACTH Spiegel teilweise weit über das Ausgangsniveau ansteigen und die Pferde können mit massiven Hufrehe-Schüben reagieren.

Da mittlerweile immer häufiger bereits jungen Pferden Prascend verschrieben wird, garantiert das Umsätze über Jahre und Jahrzehnte.

Nach den Erfahrungen in der Humanmedizin mit verschiedensten Wirkstoffgruppen und ihren negativen Langzeit-Auswirkungen auf das Individuum wie auch die Population – von Cortison-Creme bei Neurodermitis bis zu Antibiotika bei Schnupfen – wundert man sich, warum Prascend beim Pferd so komplett unhinterfragt und im großen Stil empfohlen wird, ohne zuerst durch kontrollierte Studien zu überprüfen, welchen Teufel man dort im Zweifelsfall aus der Kiste lässt.

Quellen:

(1) https://doi.org/10.2165/00023210-199707040-00005

(2) https://doi.org/10.1073/pnas.77.6.3725

(3) https://doi.org/10.4065/77.12.1280

(4) https://doi.org/10.1212/01.WNL.0000083985.00343.F2

(5) https://doi.org/10.1212/01.WNL.0000129842.49926.07

(6) https://doi.org/10.1210/endo-110-4-1430

(7) https://doi.org/10.1136/vr.139.2.41  

(8) doi.org/10.1016/S0007-1935(05)80084-3

(9) https://doi.org/10.1016/j.cveq.2007.04.004

(10) https://doi.org/10.2746/042516402776250333

(11) Beech et al.: Comparison of Vitex agnus castus extract and Pergolide in Treatment of Equine Cushing’s Syndrome; AAEP; 2002

(12) Kellon EM: Herbal offers hope for Cushing’s syndrome; Horse J; 2000

(13) Geschäftsberichte Boehringer Ingelheim 2013 und 2019

(14) Palm et a.: Pharmakovigilanzreport Tierarzneimittel, Spontanmeldungen unerwünschter Arzneimittel im Zeitraum 2011 bis 2013; Deutsches Tierärzteblatt; 2014

(15) https://doi.org/10.1111/j.1939-1676.2011.00784.x

(16) https://doi.org/10.1016/j.tvjl.2020.105562

(17) 10.31887/DCNS.2004.6.3/akorczyn

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