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Cushing richtig erkennen

Jetzt zum Winterende sind einige Pferde – vor allem die älteren Semester – oft recht dünn. Die Oberlinie sieht kantig aus, man kann die Rippen unter dem dicken Winterplüsch tasten und mit dem Fellwechsel tun sie sich auch etwas schwerer als die jüngeren Herdenmitglieder.

Ist das jetzt schon Cushing?

Wer jetzt an einem der warmen Tage den Tierarzt holt und eine Cushing Diagnostik durchführen lässt, wird in der Regel ein positives Ergebnis zurück bekommen.

Ein erhöhter ACTH Wert im Blut, deutet noch lange nicht auf die Diagnose Cushing hin

Was heisst das jetzt für mich und mein Pferd?

Die Diagnostik, die für Cushing durchgeführt wird, ist der so genannte ACTH-Test. Dabei handelt es sich um das AdenoCorticoTrope Hormon, das von der Hypophyse ausgeschüttet wird. Hat das Pferd ein Hypophysenadenom (einen gutartigen Tumor an der Hypophyse, der Hirnanhangsdrüse), dann schütten solche Pferde permanent erhöhte ACTH Mengen aus, welche das ganze Hormonsystem durcheinander bringen.

Aber ein hoher ACTH-Spiegel heisst umgekehrt noch lange nicht, dass das Pferd Cushing hat.

Das liegt daran, dass ACTH ein Hormon ist, das immer dann ausgeschüttet wird, wenn das Tier Stress hat. Ein dicker Winterpelz bei warmem Sonnenschein macht dem Pferd Thermostress: ihm ist zu warm. Damit hat es einen erhöhten ACTH Spiegel. Hat es gerade Hufrehe oder mit der Arthrose zu tun, so hat es Schmerzen. Auch diese führen zu einem erhöhten ACTH Spiegel. Das Problem bei dieser Diagnostik ist also der falsche Umkehrschluss.

Dickes Winterfell bei warmen Wetter macht Thermostress = der ACTH Spiegel erhöht sich.

Ein Pferd mit „echtem“ Cushing hat einen erhöhten ACTH Spiegel. Aber ein erhöhter Spiegel heisst umgekehrt nicht unbedingt, dass das Pferd Cushing hat. Wenn es regnet, ist die Straße nass. Aber nur weil die Straße nass ist, muss es nicht geregnet haben. 

Tatsächlich ist der echte Cushing, oder PPID (Pituitary Pars Intermediate Dysfunction), wie er jetzt medizinisch korrekt heißt, nach wie vor eine sehr seltene Erkrankung bei sehr alten Pferden.

Weit häufiger verbreitet ist hingegen das so genannte Pseudo-Cushing (oder teilweise als „peripheral Cushing“ bezeichnete) Symptombild. Die Pferde sehen genau so aus wie ein Cushing-Kandidat.

Das liegt daran, dass die Symptome, die wir bei Cushing (bzw. PPID) sehen, nicht verursacht werden vom ACTH, sondern von einer Fehlregulation der Nebenniere. Diese produziert unter anderem Glucocortikoide, also körpereigenes Cortison. Dieses wird beim Pferd unter Stress in großen Mengen ausgeschüttet. Das Stress-Hormon ACTH sorgt also für eine erhöhte Glucocortikoid-Ausschüttung und damit für die sichtbaren Symptome.

Die Glucocotrikoide haben nämlich jetzt unter anderem die Aufgabe, alles an Eiweiß abzubauen, was nicht niet- und nagelfest ist, um es als Zucker-Energie dem Körper zur Verfügung zu stellen. Das dicke, ständig wachsende und nicht mehr ausfallende Plüschfell (Hirsutismus) ist ebenso die Folge davon wie die Neigung zu Hufrehe und brüchigen Sehnen, der fortschreitende Muskelabbau und die mangelnde Leistungsbereitschaft. 

Nicht jedes Pferd mit dickem Pelz hat auch gleich Cushing.

Aber auch viele andere Faktoren außer einem Hypophysen-Adenom können zu einer Fehlregulation der Nebennieren führen.

Dazu gehören unter anderem eine aus dem Takt geratene Schilddrüse, hohe Selengaben, Dauerstress u.v.a. Deshalb sollte man bei einem Pferd mit Verdacht auf Cushing immer zuerst die Begleitumstände betrachten. Häufig haben Fehler in der Fütterung oder Haltung über Jahre dazu geführt, dass das Pferd immer mehr in die Stoffwechselschieflage gekommen ist und jetzt mit solchen drastischen Symptomen reagiert.

Hier sollte angesetzt werden in der Therapie. Denn wenn man den Stoffwechsel wieder zurück in sein Gleichgewicht bringt, dann verschwinden bei vielen Pferden die Symptome, ohne dass man noch medikamentös unterstützen müsste.

Denn das Medikament (Prascend) unterdrückt nur Symptome. Es heilt nicht!

Bei einem Pferd mit echtem Cushing, also einem Hypophyse-Adenom, kann man über die Medikamentengabe noch einige Monate schönes Leben herausschinden, indem man die Symptome „wegdrückt“. Bei Pferde mit Cushing-Symptomen, die durch Stoffwechselentgleisungen entstanden sind, verschlimmert man in der Regel die Problematik, weil zu der Grundbelastung jetzt auch noch die Medikamentenbelastung dazu kommt. 

Und was jetzt tun mit unserem abgemagerten Senioren? Zuerst einmal: Solange die Pferde ihr Fell noch abwerfen, muss man nicht automatisch von einem Cushing ausgehen. Pferde dürfen ein dickes Winterfell haben, insbesondere wenn sie ohne Decke und/oder in Robusthaltung stehen. Die alten machen dabei oft ein deutlich dickeres Fell – ebenso wie die Fohlen in Robusthaltung – um im Winter weniger Energie-Verbrauch zu haben.

Solange das jetzt mit Beginn der wärmeren Jahreszeit in großen Mengen ausfällt, muss man sich noch keine großen Sorgen um ein mögliches Cushing machen. Und dass alte Pferde über den Winter abnehmen, ist ebenfalls normal. Sie können aufgrund ihrer Zahnsituation das Heu oft nicht mehr ausreichend schnell und fein zermahlen, sodass sie – trotz ad libitum Fütterung – in einen Energiemangel reingeraten.

Hier kann die Zufütterung von eingeweichten Heucobs zusammen mit Esparsettencobs Abhilfe schaffen. Sowohl jetzt zum Auffüttern nach dem Winter als auch ab nächstem Herbst durchgehend über die Wintermonate. Außerdem sollten sie so früh wie möglich vorsichtig angeweidet werden. Gras kann auch von den alten Pferden oft noch viel besser gekaut werden, sodass sie sich hier ihre Nährstoffe leichter holen können als aus dem Heu. Vorsicht natürlich bei Neigung zu Hufrehe, die häufig mit Stoffwechselentgleisungen einher geht.

Bei alten Pferden gilt: lieber mit etwas Übergewicht am Ende des Sommers aus der Weidesaison kommen, denn das verlieren sie über die Wintermonate oder durch eine Erkrankung oft sehr schnell von ganz alleine.

Wer jetzt unsicher ist, ob sein Pferd ein „echter“ Cushing Kandidat ist oder vielleicht eher ein „Pseudo-Cushing“ hat oder vielleicht auch gar keine Cushing-Problematik hat, sondern ganz andere Gesundheitsprobleme, die mit Muskelschwund und/oder Hufrehe einhergehen können wie Insulinresistenz, EMS, Pseudo-EMS oder Kryptopyrrolurie: ein guter Stoffwecheltherapeut kann helfen & sollte im Zweifelsfall mit ins Boot geholt werden.

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