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„Esparsette ist schädlich für das Pferd, weil die Tannine die Aufnahme von Mineralstoffen behindern“- stimmt das?

„Esparsette ist schädlich für das Pferd, weil die Tannine die Aufnahme von Mineralstoffen behindern“ – stimmt das?

Seit einiger Zeit wird immer wieder ein im Internet zirkulierender Text zitiert, der behauptet, dass die in der Esparsette enthaltenen Tannine Mineralstoffe binden und die Fütterung von Esparsette daher schädlich für das Pferd sei.

Wenn man dieser in den Raum gestellten und durch nichts belegten Behauptung auf den Grund geht, dann stellt sich das Thema deutlich komplexer und weitaus weniger dramatisch dar. Naumann et al. haben 2017 (http://dx.doi.org/10.1590/s1806-92902017001200009) sehr schön den aktuellen Forschungsstand zum Thema Tannine zusammengefasst.

Wertet man die verschiedenen Studien aus, dann stellt man fest, dass immer wieder Eisen genannt wird, das gebunden wird (abhängig vom Studiendesign und vom verwendeten Tannin). Zu einem geringen Maß werden laut verschiedener Studien auch Magnesium (Mg), Calcium (Ca), Phosphor (P), Kalium (K), Natrium (Na), Kupfer (Cu), Mangan (Md), Aluminium (Al), Zink (Zn) und Cobalt (Co) gebunden.

Die Ergebnisse der verschiedenen Studien sind allerdings teilweise sehr widersprüchlich: Afsana et al. (DOI: 10.1271/bbb.68.584 https://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1271/bbb.68.584) haben die Wirkung von Tanninen bei der Resorption von Mineralstoffen (Eisen, Zink, Kupfer, Mangan) bei Ratten untersucht. Wie aus vielen Studien bekannt, bestätigt sich auch hier: Tannine reduzieren die Aufnahme von Eisen.

Die Aufnahme der anderen Mineralstoffe wurde jedoch nicht oder nur geringgradig beeinflusst. Es gibt Studien, die zeigen, dass Kupfer nicht gebunden wird (Scalbert et al., 2002), andere wiederum zeigen, dass Zink zwar gebunden wird, aber zu einem erheblich geringeren Maß als Kupfer (McDonald et al., 1996). Über die meisten anderen Mineralstoffe gibt es so gut wie keine in vivo Studien.

Der Effekt von Tanninen auf Eisen ist aber unter anderem abhängig vom Fütterungsschema und von der Art der Tannine: Bei mehreren Mahlzeiten täglich wird der Eisen-Reduktions-Effekt schon kaum mehr nachweisbar.

Füttert man statt löslicher (HT) Tannine die auch in der Esparsette enthaltenen kondensierten (CT) Tannine, ist der Effekt auf Eisen in vielen Studien auch nicht mehr nachweisbar, selbst wenn man nur eine Mahlzeit pro Tag füttert (DOI: 10.3945/cdn.116.000042 https://academic.oup.com/cdn/article/1/2/1/4558629).

Man muss nämlich unbedingt unterscheiden zwischen den verschiedenen Tanninen, vor allem den kondensierten (CT, wie sie in der Esparsette vorkommen) und den löslichen (HT, wie sie in vielen anderen Pflanzen und Futtermitteln vorkommen). Die Wirkung ist teilweise sehr unterschiedlich.

Welche Mineralstoffe in welchem Maß gebunden werden, hängt aber nicht nur von der Art des in der Studie verwendeten Tannins ab, sondern auch noch von vielen anderen Faktoren. Unter anderem davon, welchen Organismus man betrachtet.

So findet man Studien zur Bindung von Calcium, Phosphor, Magnesium, Natrium und Kalium vor allem für Hühner bei Fütterung von Tanninen aus Hirse (z.B. Hassan et al., 2003). Nun hat das Huhn aber einen komplett anders funktionierenden Verdauungstrakt und Stoffwechsel als Pferde und Hirse enthält andere Tannine als Esparsette.

Es ist schon sehr fragwürdig, solche Ergebnisse dann einfach direkt auf die Fütterung von Esparsette beim Pferd zu übertragen. Beim Pferd gibt es praktisch gar keine Studien zum Thema der Tannine, die meisten Studien beziehen sich auf Ratten, Wiederkäuer oder Menschen und in der Regel werden die Tannine aus Tee untersucht und nicht die aus Esparsette.

Die chemischen Mechanismen der Komplexbildung zwischen Tanninen und Mineralstoffen sind zwar gut verstanden, aber über das Maß und die Auswirkungen dieses Effekts findet man so gut wie keine oder widersprüchliche Angaben.

Würden die Versuchstiere tatsächlich Mangelerscheinungen entwickeln, dann wäre das auch in Studien entsprechend untersucht und belegt. Man geht davon aus, dass der Mineralbindungs-Effekt im Verhältnis zu den im Futter enthaltenen Mengen an Mineralstoffen einfach so verschwindend gering ist, dass biologisch kein Effekt entsteht.

Gerade für Eisen gilt ja beim Pferd, dass hier ein massiver Eisenüberschuss im Grundfutter (Heu, Gras) enthalten ist, sodass ein Großteil des Eisens ohnehin im Nahrungsbrei verbleibt und mit dem Kot ausgeschieden wird. Wenn die Esparsette hier mit ein paar Eisen-Ionen Komplexe bildet, ist das dem Stoffwechsel des Pferdes herzlich egal.

Die Bindungskapazität bzw. der Bindungseffekt von Mineralstoffen bei Fütterung von tanninhaltigen Futtermitteln hängt also ab von:

  • der Menge an Mineralstoffen im Futter (hier sind unsere Pferde in der Regel eher über- als unterversorgt)
  • von der untersuchten Tierart (es liegen so gut wie keine Studien am Pferd vor, natürlicherweise haben Pferde in ihrem Nahrungsspektrum aber einen hohen Anteil an Pflanzen mit teilweise erheblichen Tannin-Gehalten)
  • von der untersuchten Art der Tannine (kondensierte Tannine verhalten sich deutlich anders als lösliche Tannine) und
  • vom Fütterungsschema (einmalige Mahlzeiten bei einer Ratte haben einen anderen Effekt als eine artgerechte Ernährung mit Heu ad libitum beim Dauerfresser Pferd)

Daraus jetzt pauschal zu folgern „Esparsette ist schädlich, denn sie bindet Mineralstoffe“ ist schlichtweg unwissenschaftlich und falsch. Was uns zu der wissenschaftlichen Haltbarkeit praktisch aller Aussagen in dem Artikel bringt.

Es werden Behauptungen in den Raum gestellt ohne eine einzige wissenschaftliche Referenz. Beleuchtet man diese Behauptungen im Einzelnen, dann stellen sich die meisten als Luftnummern heraus, für die es einfach keinen Nachweis gibt.

Zu sagen „Tannine binden Mineralstoffe und sind giftig“ ist genauso korrekt wie zu sagen „Säugetiere leben als Einzelgänger und sind lebensgefährlich“. Das mag für das Säugetier Tiger zutreffen, ist jedoch für das Säugetier Kaninchen jetzt nicht so wirklich korrekt.

So wie „Säugetiere“ eine Sammelbezeichnung ist für Tiere mit vergleichbarem Fortpflanzungsschema, ist „Tannine“ eine Sammelbezeichnung für in Pflanzen vorkommende Gerbstoffe. Chemisch gibt es hier eine sehr hohe Varianz zwischen den verschiedenen Tanninen und ihrer jeweiligen Wirkung.

Außerdem gilt hier mal wieder wie so oft: Die Dosis macht das Gift. Wenn ich jeden Tag 2 kg Grünen Tee verspeise, dann werde ich davon mit Sicherheit ein erhebliches Gesundheitsproblem entwickeln. Mache ich mir aber mit einem Esslöffel voll davon eine Kanne Tee pro Tag und trinke diesen, habe ich einen positiven Effekt auf meine Gesundheit. Dasselbe gilt auch für die Esparsette: Wenn ich meinem Pferd täglich 20kg davon füttere, dann wird es davon massive Gesundheitsschäden davontragen.

Wenn ich aber den Angaben der Hersteller folge mit maximal 3kg für ein ausgewachsenes Pferd (600kg) pro Tag, dann habe ich einen positiven Gesundheitseffekt durch die adstringierende und antihelmintische Wirkung der kondensierten Tannine, ebenso wie die gesteigerte Verdaulichkeit der Proteine.

Die Bindung von Eisen durch lösliche Tannine in Nahrungsmitteln ist also insbesondere ein Problem in der menschlichen Ernährung bei Frauen (monatlicher Eisenverlust), die sich vegetarisch oder vegan ernähren (geringe Eisenaufnahme).

Bei der Fütterung von Esparsette (kondensierte Tannine) an Pferde (Dauerfresser von extrem eisenreichem Futter, nämlich Gras und Heu), spielt die Bindung von Eisen keine Rolle in der Regulation des Eisen-Haushalts.

Dass andere Mineralstoffe in erhöhtem Maß gebunden werden und damit zu Mangelerscheinungen beim Pferd führen können, ist für die Fütterung von Esparsette bis heute nicht gezeigt.

Nicht einmal bei Wiederkäuern und hier wird Esparsette seit vielen Jahren in der Fütterung vor allem in der Landschaftspflege wegen ihrer entwurmenden Wirkung eingesetzt, ohne dass bisher negative Effekte auf den Mineralhaushalt nachweisbar wären. Man muss nämlich auch unterscheiden zwischen Effekten, die ich unter Laborbedingungen provoziere und solchen, die im biologischen System alltäglicher Fütterung wirken.

Und hier sind Pferde offenbar problemlos in der Lage, die Fütterung von kondensierten Tanninen in den Mengen, welche die Hersteller empfehlen, zu kompensieren, ohne dass sie Probleme mit dem Mineralhaushalt entwickeln.

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