FuttermittelHaltung & Pflege

Mein Pferd frisst Holz – ist das normal?

In manch einem Stall hat man das Gefühl, dass dort eher Biber eingestellt sind und keine Pferde: Der Anbindebalken nur noch ein Schatten seiner selbst, Die Wände im Offenstall großflächig angenagt, Stützbalken des Stalldachs schon auf tragfähiges Minimum weggefressen… Was steckt dahinter?

Als erstes sollte man immer überprüfen, ob die Pferde genügend Raufutter bekommen. Gerade die Fütterung in Mahlzeiten mit langen Pausen („die werden sonst nur zu dick“), die Offenställe mit mehr Pferden als Fressplätzen („Reise-nach-Jerusalem-Fütterung“) oder der tägliche Winterauslauf im Boxenstall ganz ohne Heufütterung („sie können doch die ganze Nacht drinnen fressen“) sorgen dafür, dass die Pferde aus Hunger irgendwann alles fressen, notfalls neben dem Holz auch Erde, Sand oder Kot.

Gehen wir mal davon aus, dass eine artgerechte Haltung und Fütterung gegeben sind. Auch bei bestens ernährten Haus-Pferden, ebenso wie bei Wildpferden, steht Holz in Form von Ästen, Zweigen, Rinden oder Wurzeln ganz normal auf dem Speiseplan mit drauf.

Der Bedarf kann dabei von Rasse zu Rasse und auch von Pferd zu Pferd etwas unterschiedlich sein, das hängt oft damit zusammen, wie sie in ihrer Aufzuchtzeit gefüttert wurden. So haben Pferde aus Spanien oft einen deutlich höheren Holzfaserbedarf und fressen daher auch nicht selten ihre komplette Stroh-Einstreu auf.

Sie sind von ihrer Aufzucht im trockenen Spanien an einen hohen Holzfaseranteil in der Nahrung gewöhnt, im Gegensatz zu einem Warmblüter aus friesischer Marschlandschaft.

Dabei liefert Holzfaser ganz im Gegensatz zur Cellulose keinen nennenswerten Beitrag zur Energiegewinnung. Es ist ein Ballaststoff, d.h. es wird weitgehend unverändert hinten wieder ausgeschieden. Dennoch ist es wichtig in einer artgerechten Ernährung.

Das Verdauungssystem dient dem Zweck, Nahrungsbestandteile zu spalten, um sie dann durch die Darmwand hindurch aufzunehmen und dem Stoffwechsel zur Verfügung zu stellen. Aus diesem Grund wird in der Berechnung von Futterrationen immer sehr viel Wert gelegt auf Nährstoffgehalte.

Die Ballaststoffe fristen dagegen ein weitgehend unbeachtetes Dasein, dabei sind sie mit dafür verantwortlich, dass die Nährstoffe überhaupt richtig verwertet werden können. Es handelt sich bei ihnen um (weitgehend) unverdauliche Bestandteile der Nahrung, die aber aufgrund ihrer Struktur dafür sorgen, dass die Motorik des Darms, also die Peristaltik, angeregt und reguliert wird.

Nur wenn der Nahrungsbrei in genau der richtigen Geschwindigkeit – also weder zu schnell noch zu langsam – vorwärts transportiert wird, dann können die Nahrungsbestandteile auch aufgeschlossen und für den Körper verfügbar gemacht werden.

Für den Menschen gehören praktisch alle Faserarten zu den Ballaststoffen, also Pektine, Cellulose, Hemicellulose und auch Lignin (Holzfaser). Beim Pferd hingegen können die meisten Fasern im Dickarm von den dort angesiedelten Darmsymbionten verdaut werden.

Lediglich die Holzfaser ist für Pferde nahezu unverdaulich und wirkt somit als reiner Ballaststoff. In der richtigen Menge dem Futter beigemischt, sorgt diese Holzfaser dafür, dass der Nahrungsbrei vorwärts bewegt wird, aber nicht zu schnell, sodass Nährstoffe und Wasser auch ausreichend entzogen werden können.

Deshalb ist das Fressen von Holzfaser ein ganz natürlich Teil der Ernährung, sei es in Form von Büschen oder Bäumen auf dem Auslauf, die gerne „gestutzt“ werden, als Stroh, das für Pferde mehr ist als nur Einstreu oder eben auch die Stallbauten, wenn keine anderen Holzfaserquellen zur Verfügung stehen.

Darüber hinaus kann man beobachten, dass Pferde bei Bäumen und Büschen, aber auch bei Ästen und Zweigen, die man auf den Auslauf gibt, mit großem Geschick die Rinde abschälen und fressen. Rinden enthalten häufig Bitterstoffe, die ebenfalls regulierend auf die Peristaltik wirken. Außerdem sind bei vielen Pflanzen in den Rinden Wirkstoffe enthalten, z.B. die bekannte Acetylsalicylsäure in der Rinde von Weiden. Nebenbei liefern Rinden auch einen Beitrag zur Mineral- und Spurenelementeversorgung, ebenso wie das Laub, das ebenfalls mit großer Begeisterung und mit als erstes geknabbert wird.

Geht man im Wald spazieren, kann man derzeit auch beobachten, dass Pferde nicht nur gerne an den Zweigen knabbern, sondern teilweise auch unter dem Schnee Laub hervorwühlen und fressen. Neben dem Faseranteil liefert Laub viele Mineralien und Spurenelemente. Darüber hinaus ist es um diese Zeit oft schon leicht angefault und enthält dadurch einen hohen Anteil an Huminsäuren.

Man nimmt an, dass Huminsäuren regulierend auf das Darmmilieu wirken und Fehlgärungsprozessen entgegen wirken können. Außerdem scheinen sie in der Lage zu sein, Glyphosat zu binden, das Pferde beispielsweise über ihr Stroh oder auch über Heu, das direkt neben Getreidefeldern geerntet wurde, aufnehmen können.

Dass viele Pferde meist gerade zum Ende des Winters anfangen, vermehrt an Holz zu nagen, könnte auch noch einen anderen Grund haben als die Darmregulierung. Durch das Heu fressen werden – im Gegensatz zum Weidegang – die Schneidezähne nicht ausreichend abgenutzt. Trotz fehlender Abnutzung werden sie aber weiter aus dem Kiefer herausgeschoben.

Nach einiger Zeit kann es dann passieren, dass die Backenzähne beim Mahlvorgang nicht mehr ausreichend zusammen kommen und so das Kauen des Heus immer schwerer fällt.

Beobachtet man Pferde gegen Februar oder März, so sieht man oft, dass sie mit den Schneidezähnen regelrecht am Holz nagen, manchmal ohne dass das Holz gefressen wird.

Vermutlich versuchen sie dadurch, einen gewissen Zahnabrieb zu erzielen, sodass der Kauvorgang wieder besser stattfinden kann. Ob das so ist, wäre ein spannendes Thema für eine wissenschaftliche Untersuchung.

Fazit: Dass Pferde Holzfaser in Form von Zweigen, Rinde, Laub und Stroh und notfalls auch Stalleinrichtungen fressen, ist ein ganz normaler Vorgang. Daher wissen sie es sehr zu schätzen, wenn man vom nächsten Waldspaziergang Äste und Zweige mitbringt oder auch sie großzügig versorgt, wenn in der Nachbarschaft Obstbäume, Weide oder ähnliche ungiftige Bäume zurück geschnitten werden. Man sollte aber unbedingt darauf achten, dass sie kein imprägniertes Holz (Stallbauten, Zaunpfosten, alte Bahnschwellen als Begrenzungen oder alte Telefonmasten als Anbindebalken) benagen. Denn die dafür verwendeten Holzschutzmittel sind – im Gegensatz zur Holzfaser – alles andere als gesund.

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