GesundheitKrankheiten, Ursachen. Therapieansätze

Mein Pferd hat Hufrolle – was tun?

Gleich vorab: Es gibt kein Wunderfutter gegen Hufrolle-Entzündung! Die Therapie ist langwierig und kann nur durch konsequente Maßnahmen in der Hufzurichtung, Haltung und reiterlichen Nutzung / Ausbildung erfolgen.

Die im Sprachgebrauch als „Hufrolle“ bezeichnete Erkrankung heißt eigentlich Podotrochlose und ist nach wie vor ein Schreckgespenst, vor allem unter Dressur- und Westernreitern und anderen sportlich genutzten Pferden, da sie hier besonders häufig aufzutreten scheint im Vergleich zu beispielsweise Freizeitpferden.

Betroffen ist dabei der Hufrolle-Apparat, der sich in der Hufkapsel befindet und besteht aus der tiefen Beugesehne, dem Strahlbein-Knochen und dem Hufrolle-Schleimbeutel, der zusammen mit dem Strahlbein dafür sorgt, dass die tiefe Beugesehne reibungslos über das Hufgelenk gleiten kann.

Kommt es hier zu Entzündungen, sind diese nicht nur sehr schmerzhaft, sondern führen auch zu einem deutlich veränderten Gangbild und zu auffälligem Steh-Verhalten in Ruhe.

Im Stand kann man beobachten, dass betroffene oft Pferde wechselseitig ein Bein nach vorne stellen, um Zug von der tiefen Beugesehne zu nehmen und so schmerzentlastend zu stehen. Hier ist nicht die normale, versetzte Stellung gemeint, die Pferde in der Regel beim Grasen haben. Dieses Entlastungs-Verhalten tritt auf, wenn das Pferd z.B. auf dem Paddock steht oder döst. Hier wird immer ein Bein nach vorne gestellt und nicht belastet, während das Gewicht auf dem anderen Bein ruht.

Andere Pferde stehen in Ruhe parallel, aber „kniehängig“, also mit leicht gebeugten Karpalgelenken. Auch mit dieser Haltung wird Zug von der tiefen Beugesehne genommen. In der Bewegung treten die Pferde oft verkürzt und wollen nicht so recht auf dem Ballen auffußen (im Gegensatz zur Hufrehe, bei der die Pferde nicht über die Zehe abrollen wollen).

Hufrolle-Entzündungen treten gemeinhin beidseitig auf, häufiger an den Vorderbeinen, aber gar nicht so selten und dann oft nicht sauber diagnostiziert, an den Hinterbeinen. Vorne ist meist ein Bein mehr betroffen als das andere, in der Regel das Stützbein.

Für die Diagnostik wird meist ein Röntgenbild des Strahlbeins angefertigt. Leider haben Untersuchungen gezeigt, dass es keine Korrelation gibt zwischen dem Röntgenbefund und dem klinischen Befund. Das heißt, mein Pferd kann einen katastrophalen Röntgenbefund haben, aber sein Leben lang lahmfrei und leistungsfähig sein.

Umgekehrt gibt es viele Fälle, die im Röntgen unauffällig sind, aber ganz klar das Lahmheitsbild und die klinischen Befunde einer Hufrolle-Entzündung zeigen. Da das Röntgen nur Knochen(dichte) zeigt, nicht aber Entzündungen im Weichteilbereich, ist für die Diagnostik also immer der klinische Befund mit einzubeziehen.

Hufrolle-Entzündungen können viele Ursachen haben. Zu den Hauptursachen zählen aber: falsche Hufzurichtung und falsche reiterliche Belastung. Hier muss man ansetzen für die Therapie.

Nach wie vor gibt es Hufschmiede, die Pferde mit Hufrolle-Befund auf Keileisen stellen. Nichts könnte falscher sein. Schon in den 1970er Jahren wurde in Untersuchungen gezeigt, dass eine solche Stellung vor allem die Durchblutung des Hufs reduziert. Die Pferde bekommen sozusagen „eingeschlafene Füße“, das heißt, sie spüren die Schmerzen nicht mehr und sind daher lahmfrei. Die Entzündung bleibt aber vorhanden, sie kann durch die verminderte Durchblutung auch gar nicht sinnvoll ausgeheilt werden vom Körper.

Daher tritt die Lahmheit bei einer solchen Therapie meist wenige Jahre nach dem ersten Schub wieder auf, bis dahin sind durch den chronifizierten Entzündungsprozess oft schon weitere Bereich mit betroffen oder zerstört. Dasselbe gilt für den gerne durchgeführten Nervenschnitt: die Wahrnehmung des Schmerzes wird unterbunden, die Lahmheit ist weg. Das Pferd wird weiter belastet, um dann einige Jahre später, wenn der Nerv sich regeneriert hat, wieder zurück lahm zu gehen, nur mit entsprechend fortgeschrittener Zerstörung im Hufbereich.

Statt aufwendiger Beschläge ist es in den meisten Fällen sinnvoller, das Pferd barhuf zu stellen, damit der Hufmechanismus wieder normal arbeiten kann und das Pferd dann mal für 6-12 Monate auf die Koppel zu stellen zur Regeneration (mit normalen Barhufpflege-Intervallen, versteht sich). Nimmt man die bis dahin oft schon drunter gebastelten Spezialhufbeschläge ab, geht das Pferd häufig erst mal extrem lahm. Hier ist es wichtig, dem Pferd nach Möglichkeit keine oder nur ganz vorsichtig dosiert Schmerzmittel zu geben, da die Schmerzen ein wichtiges Warnsignal des Körpers gegen Überlastung sind.

Auch sollte das Pferd sich in dieser Zeit nur selber und freiwillig bewegen, also keine Herdenintegration in dieser Phase vornehmen oder ähnliches. Am besten erst mal auf ein abgezäuntes Wiesenstück in Sichtweite anderer Pferde oder mit einem ruhigen, freundlichen Begleitpferd. Keine Wege über Stein, Asphalt oder Schotter einfodern, Unterstand möglichst auf die Wiese stellen oder – wenn ein befestigter Auslauf besteht –mit Sand oder Hackschnitzeln aufschütten.

Im Verlauf von etwa 3 Monaten verbessert sich das Gangbild meist soweit, dass das Pferd nicht mehr akut lahm ist, innerhalb von 6 Monaten verschwindet die Lahmheit in den meisten Fällen komplett.

Damit es nicht zu einem Rückfall kommt, sollte aber nicht zu früh mit dem Training begonnen werden. Langfristig sind solche Pferde oft mit einer Offenstall- oder Paddock-Trail-Haltung wesentlich besser bedient als mit einer Boxenhaltung, da die freie Bewegung die Hufdurchblutung fördert.

Die reiterlichen Ursachen sind meist in einem „zu früh, zu viel!“ zu suchen. Gerade im Westernbereich gilt ein frühes Anreiten, oft schon im Alter von 2-3 Jahren, als „normal“. Aber auch Dressurpferde werden immer früher schon in Leistung geritten.

Hat man in früheren Zeiten mit Lektionen in Richtung M erst mit 6-8 Jahren begonnen, sieht man solche Pferde heute oft genug schon schwere S laufen. Selbst bekannte Spätentwickler wie Islandpferde, kommen heute immer öfter schon mit 3-4 Jahren unter den Sattel, statt mit 6-7 Jahren, wie es früher der Fall war.

Nun kann man aber die Natur nicht beliebig austricksen. Jedes Pferd zeigt knöchernes (Höhen-)Wachstum bis zum Alter von etwa 6 Jahren – egal ob Pony oder Warmblut. Danach wächst es sozusagen nochmal zwei Jahre in die Breite, denn bis zum 8. Lebensjahr wird kräftig Muskelmasse zugelegt. Zwischen dem 8. und 9. Lebensjahr ist ein Pferd dann erst „fertig“ mit seiner natürlichen Entwicklung.

Erst zwischen dem 5. und 6. Lebensjahr verknöchern die letzten Epiphysen(Wachstums)-fugen. Zu den letzten gehören dabei die des Kreuzbeins, ein Knochen, der den hinteren Abschluss der Wirbelsäule vor Beginn der Schweifwirbel stellt.

An diesem Kreuzbein setzen die meisten Muskeln an, die das Pferd benötigt, um sich zu „setzen“, also Traglast mit der Hinterhand aufzunehmen. Solange das Kreuzbein noch nicht verknöchert ist, ist als ein Pferd anatomisch überhaupt nicht in der Lage, mit der Hinterhand Last aufzunehmen, es kommt automatisch auf der Vorhand daher. Fordert man dennoch Lektionen ein, die eine Hinterhandaktivität nötig machen, dann „schummeln“ diese Pferde sich über Muskel-Fehlspannung über solche Lektionen hinüber.

Nicht ohne Grund sieht man heute kaum eine sauber geritten Piaffe mehr, ist der Schritt bei den meisten Pferden in Richtung Pass verschoben und leiden Isländer unter extremen Rückenproblemen, sodass sie teilweise gar nicht mehr in der Lage sind zu traben und dann als „Naturtölter“ angepriesen werden.

Bei Westernpferden kommt dazu noch die Gewichtsbelastung in viel zu jungem Alter. Die Pferde sind meist im Verhältnis zu ihrem Reiter recht klein und zart, vor allem wenn sie mit 2 -2,5 Jahren schon unter den Sattel kommen. Das Gewicht des Reiters zusammen mit seinem Sattel sorgt dann oft dafür, dass sich die Wachstumsfugen an den Vorderbeinen, insbesondere an den vorderen Röhrbeinen, viel zu früh schließen.

Das Pferd kann dann zwar in der Hinterhand noch weiter wachsen, in der Vorhand aber nur noch sehr eingeschränkt, denn das Röhrbein schiebt hier mit am meisten in die Länge, fängt aber auch die meiste Belastung bei vorhandlastiger Bewegung ab. Die Folge sind Pferde, die dann im ausgewachsenen Zustand überbaut sind, bei denen also der höchste Punkt der Kruppe höher ist als der Widerrist.

Ein so gebautes Pferd tut sich dann doppelt schwer damit, die Last mit der Hinterhand aufzunehmen, es wird noch vorhandlastiger. Dazu kommt, dass so früh angerittene Pferde sich falsche Bewegungsmuster angewöhnen, um für die mangelnde Hinterhandaktivität zu kompensieren. Diese Bewegungsmuster zu korrigieren, ist viel aufwendiger und mühsamer, als das Pferd später und dafür korrekt auszubilden.

Die Folge eines zu frühen Anreitens und insbesondere einer zu frühen Leistungsforderung ist dann oft die Überlastung der Strukturen der Vorhand, was zu chronifizierenden Hufrolle-Problemen führen kann.

Nicht ohne Grund scheiden Sportpferde heutzutage so früh aus dem Sport aus – Westernpferde oft schon zwischen dem 6. und 8. Lebensjahr, wenn sie also eigentlich gerade mal ausgewachsen wären und die Karriere beginne sollte. Auch in der Dressur oder im Springen sieht man nur noch selten ein Pferd, das über 10 Jahre alt ist und immer noch im großen Sport geht.

Derart ausgebildete Isländer erreichen oft auch nicht mehr die legendären biblischen Alter dieser Rasse, sondern leiden frühzeitig an den Verschleißerscheinungen einer zu frühen und oft leider auch nicht Rücken-aktivierenden Ausbildung. Hufrolle-Probleme findet man bei solch früh und fordernd angerittenen Pferden deutlich gehäuft.

Jedes Jahr mehr, das man seinem Pferd in der Jugend gönnt, um zu wachsen und sich zu entwickeln, dankt es einem ziemlich direkt mit einem gesünderen Bewegungsapparat und einer längeren reiterlichen Leistungsbereitschaft.

Leave a Response