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Warum mäkelt mein Pferd am besten Futter herum, während der vierbeinige Nachbar sogar schimmeliges Heu hinunter schlingt?

Beobachtet man Pferde auf der Weide, beim Heu fressen oder auch wenn man verschiedene „Leckereien“ anbietet, dann entdeckt man große Unterschiede. Da gibt es die „Staubsauger“, die alles in sich hinein schlingen und erst anschließend darüber nachdenken, was sie da eigentlich gerade gefressen haben.

Es gibt die Pferde, die alles mal ins Maul nehmen, aber einen Teil wieder ausspucken, darauf „herumlutschen“ während sie entscheiden, dass es nicht schmeckt, andere Sachen dagegen gerne fressen. Und es gibt auch die ganz heiklen, die nur schnuppern und dann schon viele Futtermittel verschmähen.

Dieses Futterselektionsverhalten hat ganz unterschiedliche Gründe. Einer ist davon ist auf jeden Fall der Grundcharakter. Wie beim Hund und beim Menschen auch, gibt es nunmal die „verfressenen“ und die „mäkeligen“. Von wissenschaftlichen Untersuchungen beim Menschen und bei verschiedene Säugetieren weiß man mittlerweile, dass ein Teil dieses „Charakters“ unter anderem von der Darmflora bestimmt wird. Diese „Mitbewohner“ im Darm steuern unter anderem unser Hormonsystem und damit auch unter anderem unser Ess- bzw. Appetitverhalten.

Übersetzt heißt das: braucht unsere Darmflora Energie, dann haben wir Hunger auf Süßes. Es ist recht wahrscheinlich (auch wenn das bisher noch keiner untersucht hat), dass diese Zusammenhänge zwischen Darmflora und Hormonsystem bzw. Futterverhalten beim Pferd ganz ähnlich sind.

Auch hier kann man wohl davon ausgehen, dass die Darmsymbionten einen Teil des Futter-Auswahlverhaltens beeinflussen.

Ein weiterer Aspekt ist natürlich die Rasse. So sind Ponys generell eher verfressener als Voll- oder Warmblüter. Ausnahmen bestätigen hier jederzeit die Regel. Warum sich dieses Verhalten rassetypisch ausgebildet hat in der Evolution bzw. in der Haltung durch den Menschen, darüber kann nur spekuliert werden.

Aber auch handfeste gesundheitliche Themen können eine Rolle spielen in der Futterauswahl. So sind Pferde mit Magenschleimhautentzündungen oder Magengeschwüren in der Regel viel mäkeliger mit dem Futter. Unbekannte oder intensiv schmeckende Futtermittel werden häufig gar nicht erst angerührt.

Das hat mit dem natürlichen Lernverhalten für Futter zu tun. Das Wissen um Giftpflanzen ist Pferden nämlich nicht angeboren, es wird vielmehr im Lauf des Lebens erlernt.

Frisst ein Pferd eine Giftpflanze mit, dann fällt es davon in der Regel nicht sofort tot um. Aber es bekommt Bauchschmerzen, Übelkeit und andere leichte Vergiftungssymptome. In Zukunft wird ein Pferd Pflanzen mit diesem Geschmack vermeiden, es hat also gelernt, dass diese Pflanze ihm nicht gut tut / giftig ist.

Frisst ein Pferd mit Magengeschwüren jetzt ein intensiv schmeckendes Futtermittel und verbindet das mit seinen (ohnehin die meiste Zeit bestehenden) Magenschmerzen, dann wird es lernen, zunächst dieses Futtermittel zu vermeiden und irgendwann alle „unbekannten“ Futtermittel im Trog lassen, denn sie könnten ja Magenschmerzen und Unwohlsein verursachen.

Nur Heu und Gras werden in der Regel weiterhin gefressen, aber selbst hier sind solche Kandidaten oft mäkelig was die Qualität angeht. Dann wird stängeliges, pferdegerechtes Heu oft deutlich schlechter gefressen als weiches „Kuhheu“ oder umgekehrt.

Das genaue Gegenteil beobachtet man häufig bei Pferden mit Insulinresistenz: sie schlingen sämtliche Futter in kürzester Zeit in sich hinein und können teilweise sehr kreativ werden, an noch mehr Futter zu kommen. Vom Öffnen der Boxen- oder Auslauftür bis zum Durchbrechen des Paddockzauns, um auf die Weide zu kommen, schrecken manche von ihnen vor nichts zurück. Je zuckerhaltiger die Futtermittel (auch das Heu!), desto gieriger werden sie meist gefressen.

Da ihre Zellen nicht mehr ausreichend auf das Insulin reagieren, nehmen sie zu wenig Zucker auf. Die Zellen melden dadurch ständig einen Energiemangel an das Gehirn, wodurch „Hunger“ ausgelöst wird. Je mehr diese Pferde fressen, desto mehr verstärkt sich die Insulinresistenz und ein Teufelskreis entsteht, aus dem das Pferd von alleine nicht mehr ohne weiteres heraus kommt. Einfach nur strenge Diät hilft hier in der Regel nicht, man muss das zugrunde liegende Problem erst wieder in Ordnung bringen.

Fressen Pferde komplett auch das schimmeliges Heu, ihre gesamte Einstreu, fressen sie Späne, Sand oder Kot oder nagen sie exzessiv an den Stallbauten herum, so wird in den meisten Fällen zu wenig Heu gefüttert. Diese Pferde haben Hunger! Die Reaktion in den meisten Ställen, ihnen deshalb nur noch Gummimatten in die Box oder den Offenstall zu legen und alle Holzbauten mit Metall zu ummanteln ist nicht gerade im Sinn einer artgerechten Haltung! Hier muss das Raufuttermanagement verbessert werden, dann verschwindet in der Regel auch das abnorme Fressverhalten. Gesunde, artgerecht ernährte Pferde sind normalerweise sehr heikel, was z.B. die Futterhygiene angeht und verschmähen schimmeliges Heu.

Es wird aus Protest nicht gefressen, unter die Einstreu gerührt oder darauf geäppelt, um dem Menschen zu zeigen, dass das Zeug nicht fressbar ist. Nur wenn keine Alternative angeboten wird, fressen Pferde aus Hunger irgendwann auch verdorbenes Heu. Hier am besten die Pferde unmittelbar nach der Fütterung beobachten.

Davon ausgehend, dass die Pferde nicht durch lange Hungerpausen gierig sind, fressen sie das nachgelegte Heu in der Regel friedlich und gleichmäßig. Wühlen sie nur im Heu herum, picken ein paar Halme heraus, kauen lustlos darauf herum, lassen es aus dem Maul fallen oder gehen über den Auslauf bei anderen Fressstellen nach besserem Heu schauen, dann sollte man sich die Qualität nochmal genauer ansehen.

Natürlicherweise sollte ein Pferd sein Heu in normalem Maß aufnehmen und auch von sich auch Fresspausen einlegen. Tut es das nicht, dann sollte man dringend auf zugrunde liegenden Stoffwechselprobleme wie Insulinresistenz oder Kryptopyrrolurie diagnostizieren. Ist ein Pferd extrem mäkelig mit dem Futter, dann sollte man an Magengeschwüre aber auch an Leberprobleme denken.

Energiereiche Futtermittel wie Kraftfutter werden dabei in der Regel bevorzugt gefressen, sofern ein Pferd Kraftfutter kennt. Bekommt ein Pferd regelmäßig Kraftfutter, frisst es aber nur sehr langsam, wechselt das Kraftfutter mit Heu ab oder lässt das Kraftfutter ganz stehen, um lieber Heu zu fressen, sollte man an Magengeschwüre denken.

Hat es noch nie Kraftfutter oder Saftfutter wie Möhren etc. bekommen, dann wird es diese vielleicht probieren, aber nur wenig oder gar nicht fressen, das ist ganz normales „Wildpferdeverhalten“. Unsere Hauspferde lernen erst durch unsere Fütterungspraxis, zuckerreiche Futtermittel wie Kraftfutter und Saftfutter positiv zu selektieren.

Das Fressverhalten seines Pferdes zu beobachten kann einem also viele Informationen über seinen Gesundheitszustand liefern. Und es hilft einem auch, das passende Leckerchen als Belohnung für die Arbeit oder bei Zirkuslektionen zu finden. Denn nicht jedem Pferd tut man mit einem stärkehaltigen „Standardleckerli“ gesundheitlich einen Gefallen.

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