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4 Tipps, wie man gute Informationen zu Fütterung und Stoffwechsel erkennt

Der „Lockdown“ im Zuge der Corona-Krise führte dazu, dass Veranstaltungen abgesagt wurden und das Sozialleben weitgehend zum Erliegen gekommen ist.

Gleichzeitig blüht gerade eine Landschaft an Webinaren, Online-Vorträgen und im Internet und sozialen Medien geposteten Artikeln zu verschiedensten Pferde-Gesundheitsthemen auf. Therapeuten, Trainer ebenso wie Händler und Hersteller verschiedenster Produkte versuchen jetzt, über die Online-Kanäle ihre Umsätze zu halten und möglichst bei der Gelegenheit einen weiteren Kundenkreis zu erreichen als bisher. 

Leider hat das Internet keine Qualitätskontrolle und so kann sich jeder als „Experte“ für dieses und jenes empfehlen, auch ohne dafür in irgendeiner Form qualifiziert zu sein. In Zeiten von Fakenews, „alternativen Fakten“ und der Tatsache, dass oft der gehört wird, der am lautesten schreit und das größte Werbebudget hat, ist es für uns Pferdehalter oft schwierig, echte und gute Informationen vom allgemeinen Rauschen zu trennen.

Wenn es nur um den Kauf von neuen Turnschuhen geht, dann sorgt eine Fehlentscheidung maximal dafür, dass mir die Füße weh tun und ich die Schuhe entsorge. Wenn ich aber aufgrund falscher Informationen mein Pferd füttere oder zu therapieren versuche, dann kann das dramatische Konsequenzen für die Gesundheit meines Lieblings haben.

Daher sollte man solche Informationen besonders gut prüfen, um sicher zu stellen, dass derjenige, der sein Wissen verbreitet, auch wirklich weiß, wovon er spricht. Aber wie kann ich das machen, wenn ich doch selber kein Fachmann bin? Wir wollen euch helfen, Informationen besser einordnen zu können mit einigen einfachen Checkpunkten:

1) Der Autor (egal ob von Artikeln, Webinaren, Vorträgen o.ä.) hat eine entsprechende Ausbildung genossen.

Um die physiologischen Konsequenzen von Ernährung und Stoffwechselproblemen auf allen Ebenen zu durchschauen, reicht es nicht, das eine oder andere populäre Fütterungsbuch aus einem der Trivialbuchverlage gelesen zu haben. Man braucht ein profundes Verständnis von anorganischer und organischer Chemie, Biochemie und Physiologie, um die Mechanismen der Nährstoff-Verwertung verstehen zu können.

Das lernt man nicht in einem Abendkurs an der Volkshochschule. Deshalb stellen diese Grundlagen auch den größten Teil im Grundstudium der naturwissenschaftlichen und medizinischen Studiengänge dar. Fehlt dieses Hintergrundwissen, dann kann alles Weitere an Wissen, was man sich über Literaturstudien etc. aneignet, fachlich nicht richtig eingeordnet werden und so werden dann Falschinformationen immer weiter verbreitet.

Oft genug werden aus diesem Grund aufgeschnappte „das weiss doch jeder“ Informationen als Wahrheit weiter gegeben und verselbständigen sich irgendwann im Internet, bis jeder daran glaubt, obwohl es sachlich und wissenschaftlich dafür überhaupt keine Grundlage gibt.

Auch werden von Autoren ohne entsprechende Ausbildung oft Behauptungen aufgestellt, die sich auf den ersten Blick sehr plausibel anhören, aber einer genaueren Analyse der physiologischen und biochemischen Grundlagen nicht stand halten. Bis man das aber auseinander gepflückt hat, haben sich solche unqualifizierten Behauptungen oft schon insbesondere über Social Media weiter verbreitet und sind „Allgemeinwissen“ geworden.

Daher sollte man solche Infos, die bei „Dr. Facebook“ & Co rumgehen, auch immer besonders kritisch hinterfragen nach dem Autor, der dahinter steckt. Auch wenn die Infos auf den ersten Blick logisch erscheinen mögen, müssen sie nicht unbedingt wissenschaftlich haltbar sein.

2) Der Autor bezieht sich in seinen Aussagen auf wissenschaftliche Peer-reviewed Publikationen und kann diese auch qualifizieren. 

Sehr häufig findet man Informationen von Leuten, denen man direkt ansieht, aus welchem der vielen deutschsprachigen Fütterungsbücher sie entnommen wurden. Was die meisten nicht wissen ist die Tatsache, dass im Prinzip jeder ein Buch zu jedem Thema veröffentlichen kann, denn die Verlage machen keine fachliche Prüfung des Buchinhalts. So viel Sachkompetenz zu so vielen unterschiedlichen Themen können sie gar nicht vorhalten, insbesondere wenn es keine Fachbuchverlage sind.

Der Verlag muss sich auf die Fachkompetenz des Autors verlassen und wer sich als Autor gut verkaufen kann, muss die Validität seiner Aussagen nicht nachweisen. Das bedeutet, dass Bücher zwar ein netter, erster Einstieg in ein Thema sein können, aber um tatsächlich zu verstehen, was mit den Nährstoffen im Pferd passiert, muss man sich mit wissenschaftlichen Publikationen, also mit der Originalliteratur, auseinander setzen.

Das setzt wiederum voraus, dass man nicht nur das Fachenglisch beherrscht, sondern auch gelernt hat, Studiendesign zu interpretieren. Und das ist oft gar nicht so einfach. So kann man beispielsweise eine Studie publizieren, die mit 4 Pferden durchgeführt wurde, die im „Crossover-Design“ gefüttert wurden. Das bedeutet , dass die 4 Pferde in 2 Gruppen mit je 2 Pferden eingeteilt wurden, von denen Gruppe A hat zuerst Futtermittel 1 bekommen und Gruppe B Futtermittel 2.

Nach zwei Wochen dieser Fütterung werden die Pferde untersucht und anschließend bekommt dann  Gruppe A Futter 2 und Gruppe B Futter 1, gefolgt von einer weiteren Untersuchung. Damit hat man rechnerisch den Versuch mit 8 Pferden gemacht, auch wenn es de facto nur 4 Tiere waren. Wer sich schonmal näher mit Fütterung und den Auswirkungen auf den Stoffwechsel beschäftigt hat, weiss zum Einen, dass verschiedene Pferde extrem unterschiedlich reagieren und 4 Pferde hier ganz sicher keine aussagekräftige Studiengruppe sind.

Und jedem Statistiker stellen sich bei der Auswertung solcher Ergebnisse ohnehin die Haare auf, denn selbst bei 4 Pferden pro Studiengruppe, kann man keinerlei statistisch haltbare Aussage machen. Außerdem sieht man die Auswirkungen einer Fütterung häufig nicht nach Tagen oder Wochen, sondern erst nach Monaten oder Jahren. Die Ergebnisse einer solchen Studie sind also sehr mit Vorsicht zu interpretieren, was man aber nur versteht, wenn man die komplette Publikation liest und Erfahrung im Studiendesign und Statistik hat.

Auch werden häufig Studien aufgesetzt, die von Herstellern finanziert wurden, um bestimmte Ergebnisse nachzuweisen. Hier steht also das Ergebnis schon in Vorhinein fest, die Studie wird dann entsprechend so aufgesetzt, dass dieses Ergebnis auch sicher rauskommt. Auch das erkennt man im Studiendesign, wenn man die entsprechende Erfahrung hat, hier hilft wiederum eine fundierte Ausbildung, wie unter Punkt 1 beschrieben.

Viele Autoren behaupten im Internet viele Dinge, ohne jemals einen Verweis darauf zu liefern, woher sie ihr Wissen beziehen. Solche Informationen sollte man sehr unter Vorbehalt betrachten.

3) Cui bono – wer profitiert?

Die Frage „wer profitiert“ ist deshalb wichtig, weil schon der Volksmund sagt: „Des‘ Brot ich ess’, des‘ Lied ich sing“. Wenn ich finanziell von jemandem abhängig bin, was meinen Lebensunterhalt oder meine Forschungsarbeit angeht, dann werde ich mich schwer tun, an demjenigen Kritik zu üben.

Deshalb muss schon lange auf wissenschaftlichen Publikationen ausgeführt werden, wer die Forschung finanziert hat, weil auch das in die qualitative Bewertung der Forschungsergebnisse einfließt (weil ansonsten eben das Studiendesign gerne auch mal an die Erwartung des Geldgebers angepasst wird, siehe Punkt 2). Natürlich muss jeder von uns auch von seiner Arbeit leben und die Tatsache, dass man von irgendwoher sein Geld bekommt, heißt nicht automatisch, dass man mit dem, was man schreibt oder erzählt, falsch liegt.

Man muss also aufpassen, dass man aus „cui bono“ nicht automatisch den Fehlschluss „cum hoc ergo propter hoc“ zieht, was übersetzt so viel heißt wie „nur weil zwei Ereignisse zusammen fallen, muss zwischen ihnen kein Zusammenhang bestehen“. In anderen Worten: natürlich liegt der Verdacht nahe, dass ich die Mörderin meines 30 Jahre älteren Gatten bin, weil ich die Alleinerbin seines Vermögens bin – ich muss ihn aber nicht umgebracht haben, sondern kann völlig umschuldig sein.

Aber Veröffentlichungen auch unter dem Aspekt des Eigennutzes des Autoren zu betrachten, hilft oft, die Informationen besser zu qualifizieren. 

4) Außerdem sollte man letztlich immer auch im Kopf behalten, wo das Pferd aus Sicht der Evolution herkommt, denn innen drin sehen unsere Hauspferde noch genauso aus wie ihre wilden Verwandten. Alle Empfehlungen, die sich zu weit von der Ernährung eines Wildpferdes entfernen, sollten immer kritisch hinterfragt werden. Denn in der Natur trinken Pferde nicht aus Ölflaschen, fressen keine Bierhefe aus dem Brauereikessel und leben auch weder in Müsli- noch in Karottenfeldern. Sich das Wildpferd und seine Lebensgewohnheiten immer wieder vor Augen zu halten hilft, viele Informationen zur Fütterung ins rechte Licht zu rücken.

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